Kultur : "Die Hose": Nachts sind alle Männer lau

Christoph Funke

Als "Komödie" sei Sternheims Stück "Die Hose" geschrieben, erläutert Regisseur Yves Jansen in einem Programmheft-Beitrag zu seiner Inszenierung im Theater am Kurfürstendamm. Das ist falsch. Sternheim bezeichnete seinen 1909/10 entstandenen dramatischen Text als "bürgerliches Lustspiel", und das meint etwas ganz anderes. Schon der Begriff Lustspiel ist für Sternheim eine Maske, dient zur ironischen Verharmlosung der eigentlichen Absicht. Im unauffälligen Bürgertum der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entlarvt der Dramatiker, sehr boshaft, den banausenhaften Ungeist völkischer Kraftprotzerei, der zu weit mehr führen wird als dem deftigen Seitensprung des braven Beamten mit der Nachbarin. Jansen aber will gepflegte Unterhaltung. Er macht den Versuch, Sternheims Figuren psychologisch aufzuwerten, er wirbt um Verständnis für sie, schenkt ihnen freundlich fließende Dialoge. Das hebt den Text aus den Angeln. Wenn man Sternheims lustvoll um Artikel und Verben gebrachtes, komprimiertes Deutsch nicht nutzt, wenn man auf das rasende Tempo verzichtet, in dem sich Dummes, Angeberisches zu philosophischen Höhen hinauf steilt, ist die Satire weg und das langweilige Familienstück da.

Der Dramatiker stellte nicht Figuren auf die Bühne, die man mitfühlend verstehen soll, sondern bewusst zugespitzte Prototypen einer deutschen Bürgerlichkeit, deren geschichtliche Stunde, in bösester Weise, noch kommen sollte. Denn die Vorgänge selbst sind wiederum nur Maskerade, und der Berliner Polizeipräsident Traugott von Jagow verbot die Uraufführung des Stücks zwar "aus Gründen der Sittlichkeit", mochte aber auch die politische Sprengkraft des Textes zumindest geahnt haben. Unter dem Titel "Der Riese" kam Sternheims Lustspiel dann doch am 15. Februar 1911 im Deutschen Theater Berlin heraus.

Regisseur Jansen will die Satire nicht, steuert um die Schrecknisse des Bürger-Bestiariums herum, gibt ein Stück freundlicher Unterhaltung, das erotischen Begierden und Gelüsten auf angenehme Art Raum verschafft. Schon die Wohnstube (Bühnenbild und Kostüme: A. Christian Steiof), in der alles spielt, ist großräumig, geschmackvoll möbliert, eher Hort gesitteter Unterhaltung als entfesselter Fantasien und schwülstiger Träume von Macht, Weib, Deutschtum. Denn was geschieht? Die im öffentlichen Raum herabgerutschte Hose der Beamten-Frau Luise Maske setzt einen grotesken erotischen Wettbewerb um die scheinbar Kompromittierte in Gang - aber keiner der plötzlich zur Untermiete bei Maskes abgestiegenen Männer erreicht sein Ziel oder kann und will es erreichen. Theobald Maske freilich, der Hausherr, gönnt sich erst ein Abenteuer mit der Nachbarsfrau und verkündet dann seiner Angetrauten, durch Mieteinnahmen in den sozialen Möglichkeiten gleichsam angeschwollen: "Jetzt kann ich es verantworten, dir ein Kind zu machen."

Gespielt wird mit gebremstem Temperament, manchmal mit einer Art lässigen Eleganz. Besonders das Entstehen und Vergehen sexueller Begierden kommt durch Stellungsspiel auf Stühlen, Tischen und Sofa, durch erwartungsvolle Pausen gedehnt, durchaus ansehnlich ins Bild. Ausschließlich auf dieser familiär-privaten Ebene werden die Figuren des in die Zwischenkriegszeit verlegten Stücks zusammengeführt, Bedrohliches bleibt draußen. Siegfried W. Kernen (Maske), Jens Wawrczeck (Mandelstam). Günter Schaupp (Scarron) unterscheiden sich in ihrem Schwadronieren nicht sonderlich, sind verschiedene Brüder unter gleicher Kappe, zeigen das auch einmal mit angenehm bedachtsamer Ironie. Anne Moll lässt die Luise in der Sehnsucht nach sexueller Erfüllung aufblühen und im Schwinden jeder Hoffnung verfallen, ja fast versteinern. Meike Harten (Gertrud Deuter) hat etwas berührend Gescheites, Spitziges - diese Nachbarsfrau durchschaut männlichen Wahn, und macht ihn sich zunutze. Da gab es ein paar Lacher extra.

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