Kultur : Die Hüter des Raumes

JAN SCHULZ-OJALA

Für einen solchen Hattrick braucht es schon besonderes Talent.Gleich dreimal ist der Münchner Kinowelt-Filmverleih angeeckt mit seiner Werbekampagne für "Studio 54", Mark Christophers Film über die legendäre New Yorker Disco, der heute in die Kinos kommt.Als "frauenfeindlich", "jugendgefährdend" und als "pornographisch" klassifizierte der senatseigene Berliner Plakatflächenverpächter VVR-Berek drei der insgesamt sechs Motive umfassenden Serie - und landauf, landab, auch in den Großstädten, schlossen sich die Kommunen dem harschen Urteilstenor an.Stuttgart etwa weigerte sich gleich ganz ohne Kommentar, öffentliche Flächen zur Verfügung zu stellen, Hamburg und München waren auch für eine entschärfte Version der Plakate nicht zu erwärmen, und in Bremen interessierte sich laut Kinowelt sogar die Staatsanwaltschaft für den Fall.Was trieb die Hüter des öffentlichen Raums zu so einmütigem Boykott? Wie rettet man eine provokativ gedachte Kampagne, die sich, weil niemand die Ergebnisse zu zeigen bereit ist, zum Super-GAU für die Werbeagentur und ihren Kunden zu entwickeln droht? Und: Wie paßt der Konflikt zur "Gesellschaft ohne Tabus", wie paßt der kollektive behördliche Sturmlauf zur "Vergesellschaftung der Intimität", die "Der Spiegel" soeben als neuen common sense auszurufen sucht?

Die Hauptsache, der Film, wird dabei schnell zur Nebensache.Kein Wunder, denn "Studio 54" ist ein ganz, ganz schlechter Film.Schon den Amerikanern fiel auf, daß hier ein Regie- und Drehbuchdebütant ein äußerst dankbares Thema voll verschenkte; sie sahen aus der Retortenkiste entstiegene Darsteller (Ryan Phillippe, Salma Hayek, Neve Campbell, einzige Ausnahme: Mike Myers als Disco-Gründer Steve Rubell), sie langweilten sich bei einer Story, die - visuell uninspiriert (Kamera: Alexander Gruszinski) und sogar akustisch fad - kaum je die Reservate des Klischees verließ: Vorstadtboy taucht in die Glamourwelt ein, macht eine sexy Gläserwäscher-, Bartender- sowie Kokserkarriere und lernt, als der Club recht bald schließen muß, zumindest fürs Leben dazu.16 Millionen Dollar Einspiel und doch ein Flop: So grausam kann Kino sein.

Nun geht das faktisch unvermarktbare Objekt mit knapp 130 Kopien bundesweit an den Start, davon allein 16 in Berlin - nicht eben wenig, auch wenn der Verleih den Einsatz, womöglich im Blick auf ursprüngliche Hoffnungen, als "vorsichtig" bezeichnet.Kinowelt und die in Sachen Kreativität branchenführende Werbeagentur Jung von Matt setzten im Vorfeld auf die totale Provokation.Bezeichnenderweise gelang das nur - der nach zahllosen Testvorführungen weißgewaschene Film gab wohl nichts mehr her - durch völlige Neuinszenierung.Daß der Betrachter glauben mag, die Plakat-Fotos seien dem Film selbst entnommen: umso besser! Wer sagt denn, daß Werbung irgendeine Wahrheit über ihren Gegenstand verbreiten muß? Wer Produkte beschreiben will, möge doch, so tönt die Branche gern, unter die Betriebsanleitungsdichter gehen.

Sechs Bilder und Kürzestfilme wurden so erfunden, 20 000 Plakate gedruckt - und schon war die Lunte gezündet.Bei drei Motiven (Garderobe, Damenklo und abgewiesene Gäste) zischelte es allenfalls, bei den anderen knallte es umso heftiger."Nur das Frischfleisch im 54" zeigt zwei aufgebrezelte Girlies, "Nur eine kleine Portion im 54" eine ihrer Bestimmung harrende halbmeterlange Koks-Line, und "Nur ein normaler Kuß im 54" lenkt den Blick frontal auf ein weitgespreiztes Mädchen, das den Oralsex eines Mannes - das Plakat hat nur Raum für seinen Hinterkopf - sichtlich genießt.Vor allem das letzte Motiv, ikonographisch gewissermaßen der Anti-Clinton, erregte die Gemüter.Nach Einwänden des Deutschen Werberates, Selbstkontrollorgan der Branche, brachte Kinowelt "Überkleber" an: Ein schwarzer Balken auf dem Kopf des Mannes hätte genügt, aber der Verleih setzte, jetzt erst recht, ein dickes "Zensiert!" hinzu.Logisch, daß man sich damit die Herren über Litfaßsäulen und Wartehallen nicht mehr gewogen machte; doch in solchen Fällen springt ja die Bauzaunwerbung ein.

Frauenfeindlich das "Frischfleisch"-Motiv? Die Antwort steckt in der Vokabel selbst.Jugendgefährdend die Kokain-Spur? Auch dem mag man sich, angesichts öffentlich ausgehängter Plakate, anschließen - nur: wie steht es mit den vermutlich Dutzenden ab zwölf Jahren freigegebener Filmen, in denen die Jugendlichen ihren Helden auch mal beim Koksen zusehen? Noch problematischer der Pornographie-Vorwurf beim dritten Plakat: Warum ist, was genau so oder weitaus drastischer täglich über die (Privat-)Fernsehkanäle flimmert, im öffentlichen Raum tabu? Unterscheidet denn der Mensch - im Zeitalter des inflationären Outings des Privaten und seiner umgekehrt immer stärkeren Konstituierung durch das medienbestimmte Raunen und Schauen - selbst überhaupt noch zwischen den Orten, an denen er die allgegenwärtige Bildwelt konsumiert?

Das Veto der Stadtbildverwalter, mit dem der Filmverleih so nicht gerechnet hat, zeigt zumindest eines: Eine Gesellschaft, die die privaten Werte schleift, kann sehr wohl an gewissen öffentlichen Schutzräumen festhalten.Man mag das Heuchelei nennen, man mag es als ein Hoffnungszeichen oder als ein letztes Bollwerk sehen.Angesichts von Abertausenden gestellten Alltagsattacken auf das Auge ist es vielleicht gerade die Intimität der erotischen Szene, die diesmal den Reflex ausgelöst hat.Daß auch sie nur (aus-)gestellt wurde, ändert nichts an der Intervention der Stadt-Hüter selbst.Kein wirklicher Skandal für die einen; doch auch keine Beruhigung für die anderen.Im Gegenteil: Derlei Zensur light ist ein gesellschaftlicher Regelmechanismus neben der Realität geworden.

Ob der Film "Studio 54" von der Kampagne profitiert, von der sich von ihm ablösenden Aufmerksamkeit für einen Vorgang, der sich nicht zuletzt im Raum für diesen Text spiegelt? Wohl kaum.Immerhin die noch junge Werbeagentur Jung von Matt ist der Unsterblichkeit ein Stück näher gerückt.Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hat die Plakat-Serie schon bestellt.Zunächst allerdings nur für sein Archiv.

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