"Die Hugenotten" in der Deutschen Oper : Der Mann, der Hass säte

Erstaunlich heutig: David Alden inszeniert Giacomo Meyerbeers „Die Hugenotten“ an der Deutschen Oper als Stück über den Willen zur Macht.

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Juan Diego Florez als Raoul von Nangis (vorne rechts)
Männergesellschaft. Juan Diego Florez als Raoul von Nangis (vorne rechts), der tragische Held der Meyerbeer-Oper.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Ist man auch in den Foyers der Deutschen Oper einmal ganz Ohr an diesem Premierenabend, hört man immer wieder den Namen Donald Trump, gefolgt von kontroversen Diskussionen darüber, wie sein Sieg bei der US-Präsidentenwahl zu bewerten sei. An sich kein ungewöhnlicher Vorgang in diesen Tagen, doch eingebettet in die fast fünfeinhalb Stunden währende Aufführung von Giacomo Meyerbeers Grand Opéra „Die Hugenotten“ von erstaunlicher Brisanz. Denn das Werk des 1791 bei Berlin geborenen Komponisten zeichnet einen fatalen Weg nach, der viele an Trumps Wahlkampf erinnert. Da ist zunächst die Komödie, die offensichtliche Farce, in der Lüge und Wahrheit sich kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Es folgt ein den Hass beschwörender Wille zur Macht, der – im Falle der „Hugenotten“ – schließlich in eine historische Tragödie mündet, den Massenmord an den französischen Protestanten in der sogenannten Bartholomäusnacht.

Auf einmal scheint die wundersame Mischform, das zusammengesetzte, genreverschmelzende, unter gewaltigem Personalaufwand beständig sich steigernde Musiktheater Meyerbeers gar nicht mehr überkommen und historisch zu Recht hinweggewischt vom mächtigen Antipodenpaar Wagner und Verdi. Plötzlich berührt dieser große Beweger der Massen das Herz, denn obwohl Meyerbeer alle Register für eine gute Show zieht, lässt sich an seinem Ernst in der Sache nicht zweifeln. Die träge, selbstverliebte, kurtisanensatte Männergesellschaft, über die man im ersten Akt noch schmunzeln mag, lässt am Ende ihre nächsten Mitmenschen erschlagen. Die Ehre, die diese Herren wie ihre Orden vor sich her tragen, bleibt ein leeres Versprechen.

Mit "Hugenotten" setzt die Deutsche Oper ihren Meyerbeer-Zyklus fort

Da Meyerbeer das wohlhabende, vergnügungslustige Pariser Publikum von 1836 vor Augen hatte, wählt auch Regisseur David Alden in etwa die historische Perspektive für seine Inszenierung, ohne sie im Detail nachzubauen. Das hat den Vorteil, dass das überaus Kokette der ersten beiden Akte beglaubigt wird als Musik eines Theaters, das sich noch gänzlich als Vergnügungsunternehmung verstand. Ja, man begreift auch, warum der junge Hugenotte Raoul von Nangis bei so viel gewohnheitsmäßiger Libertinage erst einmal alles falsch versteht und – in Herzensdingen noch ungebildet – das Schicksal unfreiwillig befeuert. Es wird sie alle verschlingen, die Eiferer mit der Lutherbibel wie die auf Rache sinnenden Parteigänger des Papstes. Und der Friede zwischen diesen Landsleuten wird in Erinnerung bleiben als Blütentraum der leidenschaftlich gern badenden Prinzessin von Valois. Doch das Blut der Bartholomäusnacht bleibt auch an ihr kleben.

Mit den „Hugenotten“ setzt die Deutsche Oper ihren szenischen Meyerbeer-Zyklus fort, der 2015 mit „Vasco da Gama“ begann. Der Komponist steht heute, nicht nur durch die Koinzidenz mit der US-Wahl, weitaus kraftvoller im Opernleben als noch vor einem Jahr. David Alden kann sich ohne falsche Scham in die Struktur der Grand Opéra hineindenken, was Vera Nemirova beim „Vasco“-Fiasko noch mutlos zu umgehen versuchte. Auch bietet die aktuelle Sängerbesetzung stärkere Anreize, eine unverzichtbare Zutat für das fein austarierte Startheater der „Hugenotten“. Meyerbeer muss in Paris wunderbare Sänger zur Verfügung gehabt haben, denn seine Partien sind alles andere als leicht – und im besten Fall auch noch von großer Individualität.

Höchstleistungen von Juan Diego Flórez und Patrizia Cofi

Ohne Juan Diego Flórez ist dieser Abend ohnehin nur schwer vorstellbar: Die Rolle des Raoul führt Tenöre schnell an ihre Grenzen. Der 43-jährige Tenore di Grazia aber wächst gerade erst in den Tonumfang der Rolle hinein, und er kommt dabei von oben, von der unerlässlichen Leichtigkeit und freien Höhe. Dass seine Stimme nun auch tiefere Lagen präsenter gestalten kann, weckt kühne Hoffnungen. Man kann sich diesen Raoul noch heldischer denken, doch auf diese etwas ungefestigte, abgehobene Weise gewinnt die Rolle ihre größtmögliche Tragik. Dass er nicht einmal die Marguerite von Valois erkennt, bleibt in der umwerfenden Gestaltung durch Patrizia Ciofi allerdings komplett unverständlich. In bestem Einvernehmen mit Meyerbeer liefert die Sopranistin ein hoch differenziertes, liebevoll abgedrehtes Porträt im Unterrock. Eine Figur, die von innen her leuchtet, jedoch Irrlicht bleiben muss. Wie sie die Töne in den lauschenden Saal projiziert, sich verliert in den Freuden des Bades, das ist einer wahren Diva würdig.

Erschöpft hat sich das stimmliche Potential dieser Produktion damit noch nicht: Olesya Golovneva ist als verstoßene, aber wahrhaft liebende und in ihrer Zartheit erstaunlich durchsetzungsstarke Valentine weit mehr als nur ein braves Opfer. Irene Roberts gestaltet die Rolle des Pagen Urbain mit schelmischer Geschmeidigkeit, während Ante Jerkunicas Marcel als alter protestantischer Kämpfer und Diener unauflöslich und steinerweichend seinem Raoul verbunden bleibt.

Am Ende steht das Massaker im Takt der Musik

Gut besetzt auch die Chöre, sie rauschen gekonnt auf, und das Orchester bleibt durchgängig bei der Stange. Welche Kraftleistung hinter all dem steckt, das sieht man dem aufgelösten Dirigenten Michele Mariotti beim Schlussapplaus deutlich an. Leider ist es ihm nicht auch noch gelungen, jedem Akt einen klar umrissenen musikalischen Rahmen zu verleihen. Das permanente Nachjustieren in der Balance des gewaltigen Apparats fordert hier seinen Tribut.

An Ende steht das Massaker im Takt der Musik. Und auch die Frage, ob diese „Hugenotten“ wirklich so lang sein müssen, während doch John Dews legendäre Inszenierung an der Deutschen Oper 1987 nur die Hälfte der Zeit benötigte. Klar, in beinahe fünfeinhalb Stunden kann man naturgemäß eine Menge Erbsen zählen. Wenn dabei aber aufscheint, welch erstaunlich heutigen Akzent die Grand Opéra und ihr Meister Giacomo Meyerbeer zu setzen vermögen, dann fällt das nicht weiter ins Gewicht. In der nächsten Saison steht dann „Le Prophète“ auf dem Spielplan an der Bismarckstraße. Dann wird sich weisen, was aus dem Mann wurde, der Hass säte, um an die Macht zu gelangen.

Weitere Aufführungen am 17., 20., 23., 26. und 29. November

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