Kultur : Die Huren der Globalisierung

Sandra Luzina

Unterwegs zwischen Tradition und Moderne, zwischen den sozialen Lebenswelten und den künstlerischen Genres: Das Berliner Haus der Kulturen der Welt schwört sich in großem Maßstab auf kulturelle Grenzgänge ein. Mit "In Transit" wird heute Abend ein neues Festival aus der Taufe gehoben: Mehr als 150 Künstler aus 22 Nationen wurden eingeladen, um in 52 Vorstellungen neue Ansätze der Performing Arts vorzustellen (bis 15. Juni). Im "Berlin Lab" sollen sie zudem ihre künstlerischen Energien zusammenfließen lassen. Ein ambitioniertes Projekt, das nicht nur zum gewohnten kleinen Grenzverkehr ermutigt, sondern neue Formen der Kunstvermittlung und der Zusammenarbeit von Künstlern unterschiedlicher Provenienz erproben will.

Um jeden Vorwurf des Eurozentrismus zu entkräften, wurde Ong Keng Sen aus Singapur zum Kurator berufen. Der Regisseur, der bereits Erfahrungen in interkulturelle Projekten gemacht hat, steht für einen anderen Blick auf die nicht-europäische Kunstproduktion. Vergleicht man seine Auswahl mit dem Programm des Festivals "Theater der Welt 2002", das demnächst in Nordrhein-Westfalen über die Bühne geht, so zeichnen sich deutlich andere Schwerpunkte ab. Eingeladen hat Ong Keng Sen solche Produktionen, die nicht für den internationalen Festivalzirkus produziert wurden. Zugleich will er einen Aufbruch dokumentieren: Hier werden, so die These, neue künstlerische Strategien entwickelt, um individuelle und soziale Lebensbedingungen zu reflektieren.

Ong Keng Sen ist selbst mit der Produktion "The Continuum: Beyond The Killing Fields" vertreten. Im Mittelpunkt steht Em Theay, eine fast 70-jährige Meistertänzerin aus Kambodscha, die ihre Geschichte erzählt. Fast 90 Prozent der königlichen Tänzer und Schauspieler kamen bei den Säuberungen der Roten Khmer ums Lebens. Em Theay hat das mörderische Pol Pot-Regime überlebt und gibt heute ihr Wissen an junge Darsteller weiter. Die Performance zeigt neben Live-Aktionen eine Film-Recherche, die an kambodschanische Originalschausplätze führt: etwa das berüchtigte Tuol-Sleng-Gefängnis mit seinem penibel dokumentierten Todesarchiv.

Auch andere Künster nehmen ihre Biografie zum Material. Künstlerische Strategien verbinden sich mit Strategien des Überlebens. Der Sexworker Akira the Hustler entführt mit seinen Freunden, japanischen Drag Queens, in das "Love Inferno": Aufklärung und Exzess von den "Huren der Globalisierung".

Ong Keng Sens besonderes Interesse gilt dem Ritual. Die Karajá, ein Indianerstamm aus Brasilien, werden zum ersten Mal außerhalb ihrer Heimat auftreten. Ist dem "nicht-eingeweihten" Zuschauer überhaupt ein tieferer Zugang zu den spirituellen Praktiken möglich? In der Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum Dahlem wird das Bild vom "schönen Wilden" hinterfragt.

Den Weg vom Ritual zur Performance ging auch Vincent Mantsoe aus Johannesburg. Seine Mutter ist eine Sangoma, eine initiierte Priesterin und Heilerin, ihr Sohn übersetzt die alten Rituale in zeitgenösssiche Tanzsprache.

Das heißt aber nicht nur "Zurück zu den Müttern". Die Politik des Sexuellen bildet ein geheimes (Lust-)Zentrum des Festivals. Hier werden Geschlechteridentitäten dekonstruiert, ist man unterwegs zu einem anderen Geschlecht - wie etwa die Tänzerin Jin Xing, Chinas berühmte Transsexuelle, die ihre Transformation vom Mann zur Frau öffentlich manifestiert hat.

Sind dem Verständnis wirklich keine Grenzen gesetzt? Ohne Übersetzung - zwischen den Sprachen, Kulturen und Generationen - erreicht dieses Festival nicht sein Publikum. Unter dem Titel "Politik der Übersetzung" werden Kuratoren, Dramaturgen und Kunstkritiker die Aufführungen reflektierend begleiten. Den Auftakt machen Catherine David, die Leiterin der Documenta X, und die indische Kuratorin Geeta Kapur.

In einer nach wie vor westlich dominierten Kunstwelt die nicht-europäischen Künstler aus ihrer Nischenexistenz zu befreien - auch das versucht "In Transit". Also kein verlängerter Karneval der Kulturen steht ins Haus, nicht nur Trommeln und Tanzen.

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