Kultur : Die Inder kommen

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von Christiane Peitz

In der Schweiz sind sie schon länger. Wegen Bollywood. Bollywood-Filme – schmacht! schluchz! – findet unsereins ja ziemlich exotisch. Wenn Bollywood-Filme ihrerseits exotisch sein wollen, suchen sie vorzugsweise europäische Gebirgslandschaften auf. Seitdem boomt die Schweiz in Indien: Gerne reist man in die Alpenrepublik und nimmt die traumhafte Gegend als Tourist persönlich in Augenschein.

Vergesst die Schweiz, es gibt exotischere Orte! Heppenheim. Bensheim. Viernheim. Wald-Michelstadt! Dort dreht die indische Produktionsfirma „Sigma Films“ gerade ihren Blockbuster „Traitors“, oder genauer: die romantischen Musik- und Traumszenen für denselben. „Sigma Films“ hat letzte Woche sogar ein Europabüro an der südhessischen Bergstraße eröffnet; ganze zehn Filme sollen dort in den nächsten zwölf Monaten entstehen. „Die Gegend ist fantastisch“, sagt Geschäftsführer Vinod Kumar Singh. „Auf engstem Raum gibt es Berge, schöne Landschaften und tolle Altstädte. Und der Flughafen Frankfurt mit täglichen Direktflügen nach Bombay liegt vor der Haustür.“ Die Buchmesse, demnächst mit Gastland Indien, liegt sogar noch ein Stück näher.

Indien hat eine der weltweit umsatzstärksten Filmindustrien: Kühl gerechnet kommen die Heppenwood-Filme auf eine Milliarde Zuschauer. Eine Milliarde potenzielle Bergstraßen-Fans! Nun braucht nur noch ein Bruchteil der Kinogänger auf den Geschmack zu kommen, und der örtliche Fremdenverkehr hat ausgesorgt.

Wenn Karl May von Indianerland träumte, genügte ihm etwas Ortskenntnis in der Sächsischen Schweiz. Gojko „Winnetou“ Mitic reitet, zum letzten Mal in dieser Saison, durch den Wilden Westen von Bad Segeberg; jeder Ackergaul ein edler Mustang. Japan in Puccinis „Butterfly“, Ägypten in Verdis „Aida“: Was braucht’s Recherche und Expeditionen – fremde Länder lassen sich prima erfinden. Und was macht die Fantasie im Zeitalter der Globalisierung, wenn sie Fernweh bekommt? Sie nutzt die Direktverbindung. Nach Heppenheim.

Wenn Heinrich Heine von Deutschland träumte, war es mit seiner Nachtruhe bekanntlich vorbei. Wenn der Inder sich nach Hessenland sehnt, geht’s ihm wie den zahllosen WM-DeutschlandFans: verdammt gut. Fernost träumt deutsch. Der Italo-Western ist (Film-)Geschichte, jetzt kommt der Germano-Eastern. Wie sagte Hotelinspektor Alfred Dorfer in der Österreich(!)-Kultkomödie „Indien“? Danke, ganz lieb.

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