Kultur : Die innere Front

Das Model, die Serienmörderin und das amerikanische Trauma: Charlize Therons Kraftakt als „Monster“ in Patty Jenkins’ Kinodebüt

Christiane Peitz

Dieser Ruck. Ständig geht ein Ruck durch Aileen, eine Art nervöses Ganzkörperzucken. Sie wirft die Haare nach hinten und – zack. Zieht an der Zigarette, die sie zwischen den Zähnen hält, und – zack. Wirft einen durchdringenden Blick und – zack. Als ob sie sich zurechtschütteln müsste in ihrer Haut und sich ihr Wesen nicht recht in ihre Gestalt fügte. Los, komm schon: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Diese Frau ist nicht zu Hause in ihrem Körper. Geht breitbeinig wie ein Mann, raucht wie eine Straßengöre, kommt ungeschlacht daher, mit fast anrührenden Machoposen. Schiefe Zähne, trotzig vorgerecktes Kinn, die Mundwinkel weit nach unten gezogen. Da markiert eine Coolness und kriegt es nicht hin. Immer wieder wirft sie das schüttere Blondhaar nach hinten. Zack. Bloß nicht zimperlich sein. Das Leben fragt ja auch nicht, ob es einem genehm ist.

Aileen Wuornos. Aufgewachsen in Troy, Michigan, von der Mutter vernachlässigt, von des Vaters Freunden missbraucht, schon früh Prostituierte, mit 13 schwanger. Ende der Achtziger erschießt sie in Florida mindestens sechs ihrer Freier, wird 1991 verhaftet und im Oktober 2002 mit der Giftspitze hingerichtet. Da war sie 46 Jahre alt. Es gibt TV-Features und zwei Dokumentarfilme über sie, eine Oper und etliche Skandal-Schlagzeilen („Amerikas erste weibliche Serienkillerin“; „männerhassende, lesbische Mörderin“). Und es gibt den Spielfilm „Monster“, Patty Jenkins’ Kinodebüt, in dem das schöne Model Charlize Theron jene unansehnliche Aileen mit so viel Power verkörpert, dass sie dafür mit einem Silbernen Berlinale-Bären sowie einem Golden Globe ausgezeichnet wurde und – erwartungsgemäß – auch mit dem Oscar.

Seitdem streitet man sich über die ehemalige Ballerina aus Südafrika. Darf die das, sich dieses echte, hoffnungslos grausame Leben von Aileen Wuornos hernehmen, es gar ausbeuten, um nach eher konventionellen Leinwandauftritten ( in der Gaunerkomödie „The Italian“ oder dem Schmachtfetzen „Sweet November“) als Charakterdarstellerin zu reüssieren? Wie viel ist Maske – die Make-up-Artistin Toni G. verpasste der 28-Jährigen eine Zahnprothese, Kontaktlinsen, Gel für die Augenlider, 30 Pfund angefuttertes Extragewicht und kiloweise Schminke –, wie viel eitle Ästhetik der Hässlichkeit? Ist „Monster“ ein „effekthascherischer Reißer“, wie der „Spiegel“ schimpft, oder trifft eher zu, was Amerikas Starkritiker Roger Ebert schreibt: Theron sei „eine der größten Darstellungen in der Geschichte des Kinos gelungen“?

Weiterleben für fünf Dollar

Therons schauspielerischer Kraftakt passt jedenfalls zu der Frau, die sie spielt. Nicht nur, weil die reale Aileen vor Gericht ihren Kopf genauso ruckhaft zurückwarf. Sondern weil es um eine Frau geht, die ihr Unbehagen an sich und der Welt mit einer so linkisch-aggressiven Grundnervosität zum Ausdruck bringt, dass allein die Ähnlichkeit dieser Nervosität mit Therons zwanghaftem Ehrgeiz, sich als gute Schauspielerin zu beweisen, einfach frappieren muss. Da spielt sich eine auf, Aileen Wuornos, die nie eine Chance hatte; ihre wütend auftrumpfenden, auch Furcht erregenden, aber niemals zynischen Gesten verraten die Verzweiflung dahinter. Und da spielt sich eine in eine Rolle hinein, die nicht zu ihr passt; das Verkrampfte von Charlize Therons Bravourstück ist zugleich dessen authentischstes Moment: Ihre Körpersprache verrät die Anstrengung, partout ein Filmstar sein zu wollen, und zugleich die himmelweite Differenz zur realen Aileen. Nein, „Monster“ ist kein Fall von Ausbeutung.

Der Film, den Theron auch mit produziert hat, sei eine Liebesgeschichte, betont Regisseurin Jenkins. Aileen will sich umbringen, im Regen unter der Autobahnbrücke. Aber sie hat noch fünf Dollar in der Tasche. Wenn sie die nicht ausgibt, hat sie die Nummer für ihren letzten Kunden umsonst geschoben. Also geht sie ein Bier trinken, der Zufall will es, dass sie in einer Lesben-Bar landet. Sie lernt Selby (Christina Ricci) kennen, die bei der Tante wohnt, damit die sie von ihrer Homosexualität „heilt“. Aileen kennt das nicht, so vollkommen unmännliche Zärtlichkeit, Schüchternheit fast. Die beiden tanzen ungelenk auf der Rollschuhbahn, tingeln über Freeways, hausen in Billigmotels, besuchen Biker-Kneipen, Tankstellen, Supermärkte. Gedreht wurde an den Originalschauplätzen: So schäbig kann Florida sein. Und Aileen tötet einen Freier, aus Notwehr, nach einer widerlich-brutalen Vergewaltigung.

Zwei Welten. Das gewöhnliche Leben mit einer Frau, die zu Hause, na ja, im Motel, auf einen wartet. Für Aileen ist die Liebe eine fixe Idee, für Selby eine günstige Gelegenheit: Zwei Frauen markieren Mann und Frau. „My girl“, sagt Aileen zu Selby, will sie beschützen und einen ordentlichen Beruf ergreifen. Mit Bluse, Rock und Aktentasche stellt sie sich bei einer Anwaltskanzlei vor. Ein verwegen-aussichtsloses Unternehmen: das Bewerbungsgespräch als Farce.

Vietnam ist überall

Zwei Welten. Die Kehrseite dieser imaginären Normalität, die Aileens Off-Stimme immer wieder beschwört, ist die Schutzlosigkeit des Straßenstrichs. Der Film skizziert sie in wenigen, eindrücklichen Szenen: Autos rasen vorbei, Scheinwerfer blenden auf, Angst und Erleicherung, wenn eines ausschert, sich einreiht, anhält. Bilder vom Ausgeliefertsein, von der Monotonie. Aileen wird nach dem grotesken Ausflug in die Welt der Angestellten wieder töten, weil sie mit der Pistole Kontrolle gewinnt über ihre ohnmächtige Existenz. Sie erlebt Mitleid, Wut, Tötungshemmung, Omnipotenz und wie es ist, wenn man das Leben im Griff hat, einen Moment lang. Auch kommt sie so an Geld und an Autos.

Selby weiß davon nichts – und weiß es doch. Christina Ricci spielt die 18-jährige Freundin mit kindlich-großen Augen, die um ihre Verführungskraft wissen. Selby ist beides, naiv und berechnend. Sie ist die unbedarfte Kleinbürgerstochter, die sich nicht mal am Telefon gegen den strengen Vater zu wehren versucht.. Und sie ist die Verräterin, die Aileen ebenfalls ausnutzten wird. Auch das ist Teil der wahren Geschichte: Im wirklichen Leben hieß Selby Tyria Moore.

Bleibt die Frage nach der Moral. „Monster“ will sich jenseits davon angesiedelt wissen; Jenkins legte Wert auf unspektakuläre Bilder, auf einen unparteiisch nüchternen Blick. Sie wolle zeigen, wie jemand Unvorstellbares tut, es nicht erklären, nicht entschuldigen. Aber warum richtet sie dann bei jedem neuen Mord den Fokus auf Aileens Skrupel? Auf ihr dramatisch schmerzverzerrtes Gesicht, als sie schließlich auch noch bei dem hilfsbereiten Gentleman abdrückt? Und warum taucht auch noch der Vietnamkriegs-Veteran auf? Aileens bester Kumpel ist Tom (Bruce Dern) aus der Biker-Kneipe „The Last Resort“. Er ahnt, dass sie die mittlerweile gesuchte Mörderin ist, fragt sie nach ihrem Schuldbewusstsein und kleidet das Vietnam-Trauma in ein paar knappe Sätze. Nicht zufällig spricht er von denen, die um einer guten Sache willen töten und zu spät merken, wie sich die hehre Absicht pervertiert hat. Er kenne das: Man vergeht vor schlechtem Gewissen und muss doch weiterleben.

Aileen Wuornos alias Charlize Theron als schuldlos Schuldige, als Inkarnation der traumatisierten Nation? Ausgerechnet jetzt, wo alle Welt vom Irak als Amerikas zweitem Vietnam orakelt? Aileen würde angesichts von solch gewaltsamer Projektion wahrscheinlich den Kopf in den Nacken werfen, mit einem knappen, wütenden Ruck.

Ab morgen im Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, CineStar Hellersdorf, Filmkunst 66, International, Kulturbrauerei, Kinocenter Spandau, Titania-Palast, Zoo-Palast, Yorck, Odeon (OmU), CineStar Sony-Center (OV)

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