Kultur : "Die innere Sicherheit": Nach dem Schiffbruch - Christian Petzold im Gespräch

"Die innere Sicherheit" ist ein Film über die

"Die innere Sicherheit" ist ein Film über die Tochter eines Terroristenpaars. Was denken Sie über Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof, und ihren versuchten Rachefeldzug gegen Joschka Fischer?

Natürlich geht mir die wirkliche Geschichte im Vergleich zu meiner erfundenen durch den Kopf. Aber es sind sehr unterschiedliche Geschichten, denn Ulrike Meinhof stammte aus dem bürgerlichen Milieu, dort sind ihre und Klaus Rainer Röhls Kinder aufgewachsen, bevor die Mutter in den Untergrund ging. Meine Tochter liebt das Märchen von den drei Prinzessinnen, in dem die Mutter jede Nacht verschwindet und tanzen geht, weshalb sie vom Teufel verflucht wird. Die Prinzessinnen müssen die Mutter befreien. Ich vermute, solch eine Befreiungsfantasie gibt es auch bei Bettina Röhl. Meine Filmheldin hat eine andere Biografie: Sie ist im Untergrund aufgewachsen.

Und sie hat das Problem, dass sie als 15-Jährige nicht aus der Normalität ausbrechen will, sondern sich nach ihr sehnt, weil sie ihr immer verwehrt war.

Im Untergrund gibt es keine Familienzelle. Denn die Familie ist die Urzelle des Staates, den der Untergrund bekämpft. Kinder im Untergrund sind selten.

Haben Sie das recherchiert?

Als ich mit Harun Farocki am Drehbuch arbeitete, erzählte mir der Filmemacher Hartmut Bitomsky von einem solchen Mädchen, das im Untergrund zur Welt kam, heute Betriebswirtschaft studiert, ein sehr spießiges Leben führt und mit ihren Eltern nichts mehr zu tun hat. Aber "Die innere Sicherheit" ist eine erfundene Geschichte: Ich habe für das Drehbuch mehr Tschechow gelesen als RAF-Bücher. Manche Geldgeber, vor allem in den Fernsehanstalten, wollten es übrigens lieber unpolitisch. Die Eltern sollten Gangster oder Erpresser sein, keine Terroristen. Es ging mir jedoch nicht um Leute, die reich werden wollen, sondern um Menschen, die wegen eines ursprünglich radikalen Lebensentwurfs nie wieder ein normales Leben führen können.

Seit wann interessieren Sie sich für die RAF?

Mein Heimatort Hahn, eine Kleinstadt bei Wuppertal, ist ein extrem kleinbürgerlicher Ort, in dem fast nur Flüchtlinge aus dem zweiten Weltkrieg lebten. Mitten in dieser Ereignislosigkeit gab es plötzlich die RAF, sogar ziemlich nahe. Willi Peter Stoll wurde in dem China-Restaurant in Düsseldorf erschossen, in dem ich gelegentlich mit meinen Eltern essen war. Es gab Straßensperren der Polizei. Plötzlich wurde unsere kleine Stadt mit Bedeutung aufgeladen: die Parkbänke, die Stromkästen und das kleine Waldstück, wo wir rauchten. Aus solchen Erinnerungen ist das Drehbuch gespeist.

Also aus dem RAF-Mythos?

Die RAF taugte nicht zum Mythos. Man konnte die Terroristen nicht neben das Alice-Cooper-Fanposter hängen. Die Fahndungsfotos eigneten sich nicht für Heldenbilder. Es gab nur ihre Spuren; und ihre Verstecke ähnelten der Umgebung, in der ich aufwuchs.

Seit die RAF im April 1998 ihre Selbstauflösung erklärte, ist der Terrorismus fiktionstauglich geworden, nicht nur bei Ihnen, sondern auch in "Die Stille nach dem Schuss" von Volker Schlöndorff oder für Andreas Dresen, der einen Film über den 2. Juni dreht. Es gab kürzlich sogar ein Theaterstück über Bad Kleinen. Ist all das möglich, weil man sich kaum noch dem Sympathisanten-Verdacht aussetzt?

Vielleicht. Aber noch vor wenigen Jahren war die RAF kein Tabu, sie war einfach tot. Es hieß oft, mit Gerhard Richters "Stammheim"-Zyklus sei das Thema für die Kunst erledigt. Als ob der Kunst das je gelungen wäre: ein Thema zu erledigen. Niemand wusste, worum es mir ging. Beim Casting kam es vor, dass jungen Leuten zu Hanns-Martin Schleyer gerade noch die gleichnamige Halle einfiel, aus der "Wetten, dass. .?" übertragen wird. Dennoch wollte ich keinen Film drehen, in dem ein dunkler Fleck der deutschen Vergangenheit erhellt wird.

Es geht um Menschen, die keine Chance auf eine Rückkehr in die Gesellschaft haben.

Ein Auslöser war Bad Kleinen. Da wurde mir klar, dass Terroristen wirkliche Menschen sind und Wolfgang Grams so banale Dinge tut wie Marmelade einzukochen. Das mit der Rückkehr ist wohl ein speziell deutsches Problem. In Frankreich oder Italien, also in Staaten, die ihre Entstehung einer Revolution verdanken und ohne fremde Hilfe demokratisch wurden, akzeptiert es die bürgerliche Schicht eher, dass Leute in die Gesellschaft zurückkehren, die einmal hinter Mao-Bibeln Bomben bastelten. Bei uns war in den achtziger und neunziger Jahren jede offene Diskussion über eine Amnestie für verurteilte RAF-Mitglieder unmöglich.

Ihr Ko-Autor Harun Farocki war einer Ihrer Dozenten an der Berliner Film- und Fernsehakademie und gehört zum ersten Jahrgang der dffb, dem auch Holger Meins angehörte.

Er hat schon meine drei Fernsehfilme mit mir gemeinsam geschrieben. Als ich ihm das Script zu diesem Film schickte, meinte er, es erinnere ihn an einen Spätwestern: Genauso empfinde er seine linke Existenz. In einem Seminar bei ihm sah ich schon vor Jahren "Near dark", einen Vampirfilm von Kathryn Bigelow. Danach schrieb ich eine Geschichte über eine deutsche Vampir-Familie. Sie lebte nicht in Höhlen, sondern war immer unterwegs, wie die Geisterschiffe in den Hauff-Märchen oder der Fliegende Holländer. Dieses Moment ist im Film geblieben: Es gibt sehr viele Schiffsmetaphern. Der Philosoph Hans Blumenberg stellt in "Schiffbruch mit Zuschauer" die Frage, ob sich der Schiffsbrüchige aus den umherschwimmenden Planken etwas Tragfähiges zimmern könne und ob die Reste der 68er-Ideologie zum Weiterleben taugen. Die Familie im Film schlingert in solch einem selbst gezimmerten Rettungsboot herum. Jeannes Eltern haben einmal den Staat angegriffen, jetzt gibt es für sie keinen Ort mehr, nicht einmal in der Erinnerung oder der Sprache. Sie sind lebende Tote. Die Tochter verlässt nachts heimlich das Haus und muss im ersten Morgengrauen zurückkehren. Wie ein Vampir.

Bei einem ihrer Ausflüge am Tag gerät sie in eine Schulstunde, in der "Nacht und Nebel" von Alain Resnais gezeigt wird. Genau das habe ich auch erlebt. Wir 16-Jährigen waren nicht vorbereitet und über Wochen traumatisiert. Warum zitieren Sie den Resnais-Film?

Uns wurde er auch in der Schule gezeigt, und ich habe ähnlich darauf reagiert. Im Film hat die Szene etwas Traumartiges. Jeanne träumt sich in die Schule hinein, und es wird ein Alptraum daraus. Denn sie sieht dort eben jenen Film, durch den ihre Eltern politisiert wurden. Unter dieser Politisierung hat sie persönlich immer leiden müssen. "Nacht und Nebel" wurde ja 1955 in Cannes gezeigt. Damals reiste der deutsche Konsul ab, weil der Film als Affront gegen die Bundesrepublik angesehen wurde.

Es ist die einzige Filmszene, die Motive der Eltern für ihre einstige Militanz vermittelt.

Ich wollte nicht, dass die Eltern ihre Vergangenheit diskutieren. Der Film sollte gegenwärtig sein, das war mir ganz wichtig. Er handelt von der Unmöglichkeit der Gegenwart. Ja. Die Familie ist eine gewöhnliche, gute Familie, aber ihre Konstellation ist von Anfang an tragisch.

Warum interessiert Sie das Thema Familie?

Zum einen bin ich selbst Vater geworden. Zum anderen habe ich den Eindruck, dass die Familie ähnlich verschwindet wie die RAF. Auf Verkehrszeichen kann man sie noch sehen: Papa-Mama-Kind. Aber irgendetwas löst sich auf. Das Kindergeld wird dermaßen erhöht, dass man den Eindruck hat, da wird eine aussterbende Art unterstützt. Die Familie im Film ist ja nicht nur als RAF-Zelle, sondern auch als Familienzelle gefährdet. Sie sitzt gleichwohl am Abendbrottisch, dem Sitzungsort jeder Familie. Es ist eine Art Modellfamilie unter experimentellen Bedingungen. Sie lebt auf Inseln und muss sich permanent selbst erfinden.

Der Name RAF fällt nie. "Die innere Sicherheit" ist ein Film über die Sehnsucht nach Privatleben.

Trotzdem ist es kein unpolitischer Film, weil sich die Makropolitik in der Mikropolitik der Familie wiederholt. Wenn Jeanne von den Eltern verhört wird, weil sie sich verliebt hat, entspricht das polizeilichen Verhörtechniken. Und genau diese Technik wendet Jeanne auch in der Liebe an.

Es gibt keine Action, sondern im Gegenteil sehr stille Bilder.

Weil es nicht um Explosion geht, sondern um Implosion. Jeannes Eltern leben mit dem Rücken zur Welt. Sie können die Welt nicht lesen und ihre Zeichen nur als Bedrohung entziffern. Wenn es überhaupt Totalen gibt und man etwas von der Bundesrepublik sieht, eine Brücke, eine Landschaft, ist immer Gefahr im Verzug. Jeanne hingegen kann die Welt wahrnehmen. Sie will sich selbst finden - und die Welt: ihre eigene innere Sicherheit.

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