Kultur : Die innere Wahrheit der DDR

Die Stasi-Falle: Wie in Mitte gerade ein Film über die Angst im Sozialismus gedreht wird

Philipp Lichterbeck

Im Grünen Salon der Volksbühne spielen sie DDR, 1984. Sie sieht ein bisschen aus wie die Bundesrepublik in den siebziger Jahren. Die Fenster sind verhängt. Auf den Sofas langweilen sich Frauen in Synthetikblusen und schlagen die Beine übereinander. Die Herren tragen Kassengestelle und Bärte wie Lenin. Das Bier kostet laut Preisaushang 63 Pfennig. Man raucht einhundert Millimeter lange Zigaretten von Duett. Auf der Bühne steht das Manfred-Ludwig-Sextett, eine DDR-Jazzlegende. Die ergrauten Herren tun so, als ob sie ihre Instrumente bedienen würden. Die Swingmusik kommt vom Band. Auf dem Parkett praktiziert der Schauspieler Sebastian Koch, der als Graf Stauffenberg eben noch versuchte, Hitler in die Luft zu sprengen, mit der Schauspielerin Martina Gedeck den Engtanz. Sie steckt in einem kuriosen Silberkleidchen.

Da stürmt der korpulente Thomas Thieme auf die Bühne und verkündet, er als Minister der DDR wolle es sich nicht nehmen lassen, den Dichter Dreymann als größten Seelen-Ingenieur des Landes zu ehren. Dessen Frau, die Schauspielerin Christa-Maria Sieland, sei zudem „die schönste Perle der DDR“. Das SED-Abzeichen an Thiemes Revers blitzt, die Zuschauer applaudieren. Man wendet sich wieder den Senfbuletten zu. Bis einer ruft: „Danke und aus. Alle wieder auf Anfangsposition.“ Das Filmteam stürmt das Parkett. Die Maskenbildnerinnen tupfen Gesichter und zupfen an Sebastian Kochs Toupet. Der Tonmann beschwert sich, „ich habe einen Sender auf dem Kopfhörer. Komparsen, bitte alle Handys aus!“ Es nützt nichts, es brummt weiter. Thieme grummelt, dass sei Frank Castorfs Störsender. Da lachen sie doch noch.

Im Grünen Salon wird ein DDR-Film gedreht. Aber eine Komödie ist es nicht. Auch nostalgische Remiszenzen sucht man in den Kulissen vergebens. Folgt nach „Good Bye, Lenin“ und dem heiteren Blick auf die DDR nun der ernste? „Ich drehe ein Melodrama mit Thrillerelementen“, sagt Florian Henckel von Donnersmarck, der 32-jährige Regisseur. „Das geschlossene System DDR bietet wie alle totalitären Regime einen hervorragenden Hintergrund dafür. Man denke nur an Casablanca.“ Henckel von Donnersmarck überragt alle mit seinen zwei Metern Größe. Der Eindruck, einen sensiblen Riesen vor sich zu haben, wird von den nach allen Seiten abstehenden Locken verstärkt.

Während des Mittagessens erzählt er, dass er es immer „seltsam“ gefunden habe, dass die DDR trotz Stasiüberwachung und Mauertoten als Folie für Komödien gedient habe. „Früher habe ich mit meinen Eltern oft Bekannte in Magdeburg besucht. Da war nichts Witziges oder Rührendes. Es herrschte eine Atmosphäre der Angst. Die Angst ist im Kino noch überhaupt nicht thematisiert worden.“ Henckel von Donnersmarck dreht seinen ersten Langfilm. Der Arbeitstitel lautet: „Das Leben der anderen“.

Heute ist der 28. von 37 Drehtagen: eine Ostberliner Theaterpremierenfeier. Künstler sind unter den Gästen und die Stasi-Leute, die sie überwachen, auch. Natürlich sind einige Politiker mit ihren Adlaten anwesend. Man steht umher und beobachtet sich. Koch klopft Thieme auf die Schulter, der Gedeck über den Rücken streichelt, die ihren kleinen Neffen an der Hand hält, der an einem Komparsenkuchen lutscht. Vierzig Statisten qualmen derweil die Requisiten-Zigaretten.

Der Aufnahmeleiter drängt zur Eile. Das Filmteam darf nur noch eineinhalb Stunden im Grünen Salon drehen. Dann ist Schluss. Thieme hat jetzt schon mehrfach seinen Text verpatzt, er deklamiert: „Die Partei braucht den Künstler, aber der Künstler braucht die Partei noch viel mehr.“ Dann rumpelt er: „Was kann ich dafür, dass der Castorf seinen Laden nur bis acht vermietet?“

Das Drehbuch hat Henckel von Donnersmarck selbst geschrieben. Es erzählt die fiktive Geschichte des systemtreuen Schriftstellers Georg Dreymann (Koch) und seiner Frau, der Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Gedeck), die eine Affäre mit dem Minister Bruno Hempf hat (Thieme). Dieser setzt aus Eifersucht den Stasi-Spitzel Wiesler auf Dreymann an. Doch sowohl der Überwacher als auch der Schriftsteller rücken im Laufe der Ereignisse von ihren Überzeugungen ab.

Produziert wird das Projekt von Quirin Berg und Max Wiedemann aus München. Sie sind erst 26 Jahre alt und kennen den Regisseur von der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Sie haben Gelder von verschiedenen Filmförderanstalten erhalten und die erste Garde deutscher Schauspieler verpflichtet. Gedreht wird im 35-Millimeter-Format. Hinter der Kamera steht Hagen Bodganski, der in „Die Unberührbare“ das leuchtendste Schwarz-Weiß aller Zeiten auf die Leinwand zauberte. Die Filmmusik steuert Gabriel Yared bei, der für „Der englische Patient“ einen Oscar erhielt. Ob da die 1,6 Millionen Euro Produktionskosten nicht ein bisschen wenig seien?

„Natürlich hätten wir dreimal so viel Geld gebrauchen können“, sagt Wiedemann. Es werde immer schwieriger, in Berlin noch Orte zu finden, die nach DDR aussähen. „Es ist ein Riesenaufwand bei all den neuen bunten Häusern. Glücklicherweise arbeiten alle Schauspieler für weniger Geld als sie anderswo verdienen könnten. Wir machen Kino mit dem Budget eines Fernsehfilms.“

Zwischen Volksbühne und der benachbarten PDS-Zentrale steht der Wohnwagen von Ulrich Mühe. Er spielt den Stasi- Mann Wiesler. Mühe teilt sich die fünf Quadratmeter mit Ulrich Tukur. Die beiden haben ihre Szene abgedreht und sind auf dem Sprung nach Hamburg. Ihre Stasi-Anzüge liegen zerknüllt auf dem Sofa.

Mühe ist neben Thieme der einzige Ostler unter den Hauptdarstellern. „Ich habe seit der Wende viele Drehbücher gelesen, die sich mit der Stasi auseinander setzten“, sagt er. „Dieses war das erste, das mich überzeugt hat. Eine sorgfältig recherchierte Geschichte, die sich genauso in der DDR hätte zutragen können. In den oberen Etagen der SED saß doch ein Haufen geiler Säcke. Das Gefühl Liebe wurde gezielt eingesetzt.“

Florian Henckel von Donnersmarck hat vier Jahre recherchiert, ehe er sich ans Drehbuch setzte. Er hat Bildbände gewälzt, sich mit Wissenschaftlern und DDR-Kulturschaffenden getroffen, mit Stasi-Opfern und Stasi-Offizieren. „Vielen wäre eine weitere Komödie lieber gewesen“, sagt er. „Aber mir geht es nicht darum, eine weitere folkloristische Requisitenschlacht zu schlagen. Bei mir steht nicht die Spreewaldgurke im Mittelpunkt. Ich bin detailversessen, aber ich will nicht die äußere, sondern die innere Wahrheit der DDR zeigen.“

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