Kultur : Die innerste Sicherheit

„Aus Liebe zum Volk“: Eyal Sivans und Audrey Maurions Dokumentarfilm über die Stasi als Wahnsystem

Robert Ide

Angst funktioniert ganz einfach. Zum Beispiel mit einem Glas Wasser. „Was wollen Sie trinken, Brause oder Selters?“, fragt ein Mann, der lässig in einem Sessel sitzt. Sein Gegenüber auf dem Sofa antwortet: „Selters.“ Einige Sekunden später geht die Tür auf, und ein dritter Mann kommt ins Zimmer. Er stellt das gewünschte Glas Wasser auf den Tisch und geht wieder. Der Mann auf dem Sofa schaut sich verwirrt um, stockt, schluckt. Er ist das Opfer. Der Mann im Sessel kostet die Stille aus. Es ist der Vernehmer. Dann geht das Verhör weiter. Irgendwo surrt leise die Kamera, und ein Mikrofon schneidet alles mit.

Überwachung. Kontrolle. Macht. So funktionierte die Deutsche Demokratische Republik. So funktionieren womöglich viele Staaten. Vielleicht jeder Mensch. Heute startet ein Dokumentarfilm in den Kinos, der erklärt, wie Angst funktioniert. Und der dem Zuschauer zuweilen Angst einjagt. „Aus Liebe zum Volk“ haben der in Frankreich lebende israelische Regisseur Eyal Sivan und seine französische Kollegin Audrey Maurion ihren Streifen genannt, der mit Ausschnitten aus bislang unveröffentlichten Überwachungsfilmen der DDR-Staatssicherheit die Methoden zentral gelenkter Kontrolle dokumentiert. Ein Film, der aufklärt über das Leben in einem kleinen, begrenzten Land, das in jüngster Zeit vor allem in putzigen, bunten Showfarben gezeichnet wurde.

Ein Film, der aufklärt über das, was Menschen anderen Menschen antun können, wenn sie ihre Sache gründlich machen. Der Text zu den Bildern erzählt die Geschichte eines Täters. Major S., jahrzehntelang hauptamtlicher Mitarbeiter am Stasi-Schreibtisch, spricht über sein Leben im Dienste der Kontrolle und über seine Abwicklung in der demokratischen Sturm- und Drangzeit 1990. Die Stimme (der Schauspieler Axel Prahl spricht Passagen aus dem Buch des anonymen Majors) redet nicht im belehrenden Ton der Aufklärung, sondern sagt Sätze wie: „Die Seele der Akte ist die exakte Dokumentation.“ Oder: „Eines Tages werden wir wieder gebraucht.“ Dazu montieren die Filmemacher Bilder aus der staatlich installierten Schnüffelmaschine: von öffentlichen Verhaftungen, geheimen Aktendepots, von Liebesszenen im Büro, der U-Bahn über der Schönhauser Allee. Von allem eben: So wird noch das Gewöhnlichste verdächtig.

„Das Grauen wohnt mitten in uns“, sagt Regisseur Sivan, wenn man ihn nach dem Sinn der Bild-Text-Konstruktion fragt. Sivan genießt die Provokation; er hat sie schon genossen, als er die Aufnahmen vom Prozess gegen Adolf Eichmann filmisch sezierte und dabei den einst gefürchteten Nazi-Täter als ängstlichen, um Korrektheit und Anerkennung heischenden Jungen vorführte. „Der Spezialist“ hieß das Werk, das 1999 viel Aufregung und schließlich den Grimme-Preis erntete. Sivan ist auch diesmal seinem Thema treu geblieben: der Banalität des Brutalen. Und seinen Hauptfiguren: den Tätern.

Als „Aus Liebe zum Volk“ auf der Berlinale uraufgeführt wurde, mussten sich die Filmemacher viele kritische Fragen gefallen lassen. Etwa die, warum er das Thema Überwachung künstlerisch verfremdet hat, ihre Urheberschaft im Anonymen belässt und beispielsweise bunte Bilder von Menschengruppen auf dem Alexanderplatz zeigt, mit sozialistischer Propagandamusik unterlegt. Immer wieder die Frage: Wie kann einer die Stasi zum Thema machen und dabei nicht die Opfer zu Wort kommen lassen? Noch dazu einer, der den Alltag in der Deutschen Demokratischen Republik gar nicht erlebt hat? Ja, so funktionieren die Reflexe deutscher Vergangenheitsbewältigung. Aber dem Verdienst des Films, die eigene Wahrnehmung zu irritieren – wann sonst fragen wir nach der Quelle und der Funktion von Bildern? – werden sie nicht gerecht. Misstraut den Bildern, lautet, immer wieder, das Motto von Sivans Arbeit.

Schon einmal gab es einen Versuch, den Überwachungsstaat DDR mit der Fokussierung auf die Täter zu entlarven. Doch der Film „Ministerium für Staatssicherheit – Alltag einer Behörde“, in dem einstige StasiChefs 90 Minuten lang die Arbeit in ihren „prächtigen Kollektiven“ loben durften, stieß vor einem Jahr auf heftige Kritik von Opferverbänden – bei der ersten Vorführung in Berlin kam es fast zu Tumulten. Bei Sivans und Maurions Dokumentation ist das nicht zu erwarten. Denn „Aus Liebe zum Volk“ zeigt auf präzise Weise, warum der ostdeutsche Spitzelapparat mit seiner Mission scheiterte: weil er in den normalen Menschen auf den Parkbänken und den Diskotheken seine Gegner sah. Und weil er versuchte, alles wissen zu wollen bis hinein in den privaten Alltag – aus Liebe zur Sicherheit.

Sivan und Maurion haben keinen einseitigen Film über die Vergangenheit gemacht, sondern einen vielseitigen über die Gegenwart. „Auch wir leben heute unter dem Einfluss der Angst", sagt der Regisseur. „Auch wir sehnen uns immer mehr nach Sicherheit.“ Nicht zuletzt angesichts immer neuer Terrorwarnungen. „Ich liebe Euch doch alle.“ Das war die Zuneigung, die Stasi-Minister Erich Mielke seinem Volk zukommen lassen wollte. „Die Welt muss sicherer werden“, sagt Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Beginn des Films, Überwachungsbilder aus Großstädten werden eingeblendet. Ein gewagter, sogar obszöner Vergleich. Aber er erzeugt im Kino genau jene Angst, um die es dem Film zu tun ist. Die Angst (und auch die geheime Lust daran), für einen Moment mehr zu sein als ein unbeteiligter Zuschauer, sondern ein allwissender Überwacher. Ein Beobachter, der auch manchmal lacht über die Szenen, die ihm von den unbekannten Menschen da draußen vorgeführt werden. Einer, der manchmal erschrickt, weil er plötzlich eine Kneipe in Berlin-Pankow erkennt und sich fragt: Wann wurde das aufgenommen? 1987? 1978? An einem Nachmittag, wo ich dort zu Besuch war? Oder meine Eltern?

Überwachung. Kontrolle. Macht. Das ist ein präziser Mechanismus. Selten hat ein Film das so deutlich aufgezeigt, selten ist das Bild der DDR so entkernt worden. Die von versteckten Kameras aufgenommenen Szenen brechen nicht ab, wenn Major S. von den Akten berichtet, von seiner Hingabe zur Akribie und seinem Hass auf die unkontrollierbaren „Elemente“ der Großstadt. Axel Prahl verleiht dem unsichtbaren Major mit seiner Stimme so viel Präsenz, dass man denken könnte, der Überwacher sei mitten unter uns.

Major S. ist tatsächlich noch da. Sein Buch „Ausgedient“, das die Grundlage des Films liefert, ist 1990 im Mitteldeutschen Verlag in Leipzig erscheinen. Inzwischen ist der Autor in Berlin untergetaucht. Wer ihn sucht, bekommt es mit Schriftstellern, Vermittlern und „Kontaktmännern“ zu tun, aber nicht mit ihm selbst. Nur bei der ersten Filmvorstellung im Kino International soll Major S. im Saal gewesen sein. Erkannt hat ihn niemand.

Eiszeit, Hackesche Höfe

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