Kultur : Die Intelligenz der Bilder

Der Kunsthistoriker Michael Baxandall ist tot

Michael Zajonz

Bestseller zu schreiben ist unter Kunsthistorikern eine seltene Tugend. Michael Baxandall, der große britische Kunstgelehrte, beherrschte sie mit nonchalanter Selbstverständlichkeit. Seine beiden berühmtesten Studien „Die Wirklichkeit der Bilder“ (1972, deutsch 1977) und „Die Kunst der Bildschnitzer“ (1980, deutsch 1984) sind nicht nur bis heute Standardwerke der Kunstgeschichte. Sie werden auch jenseits akademischer Zirkel begeistert gelesen. Baxandall denkt und schreibt in bester angelsächsischer Tradition: auf hohem und doch allgemeinverständlichem Niveau.

Studiert hat der Sohn eines Kunsthistorikers und Direktors der National Galleries of Scotland in den fünfziger Jahren nicht nur in Cambridge, sondern auch in Pavia und München – damals keine Selbstverständlichkeit. 1959 beginnt er seine Laufbahn am Londoner Warburg Institute, später folgen Professuren in Oxford, an der Cornell University und zuletzt im kalifornischen Berkeley.

Baxandalls Markenzeichen war die Verbindung von Sozialgeschichte und visueller Analyse, sein Ziel das Verständnis der Kunst aus dem Kontext ihrer Zeit und den Beschränkungen ihres Materials heraus. Stets blieb ihm bewusst, dass es zeitlose Meisterwerke – in der bedeutungsschweren Kunstbetrachtung der Nachkriegszeit als Annahme allgegenwärtig – nicht gibt. Dass es ein unerfüllter Traum bleiben muss, die Werke mit den Augen der Zeitgenossen zu erleben.

Und doch hat Baxandall versucht, die Absichten von Künstlern und Auftraggebern so minutiös wie möglich zu rekonstruieren. Aus historischen Rechnungen und Briefen erklärt er in „Die Wirklichkeit der Bilder“ die italienische Malerei der Frührenaissance. Man erfährt, wie teuer bestimmte Farbpigmente gewesen sind und warum die Maler den Goldgrund der Bilder abgeschafft haben. Dass sie zugleich denkende Handwerker und mit der Hand arbeitende Künstler waren – ebenso wie Tilman Riemenschneider oder Veit Stoß, denen Baxandall mit „Die Kunst der Bildschnitzer“ sein vielleicht schönstes Buch gewidmet hat.

Im Winter 1992/93 war Baxandall zusammen mit seiner Kollegin Svetlana Alpers Gast des Berliner Wissenschaftskollegs. Gemeinsam haben sie dort ihr Tiepolo-Buch fertiggestellt. Sein Untertitel beschwört „die Intelligenz der Malerei“. An sie hat Baxandall zeitlebens geglaubt. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er am 12. August, wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag, nach langer Krankheit in London gestorben. Michael Zajonz

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