Kultur : Die Internationale Bauausstellung 2000 will im Braunkohlerevier Berge versetzen

Frank Peter Jäger

Im Oktober geht die Internationale Bauausstellung "IBA-Emscher-Park" zu Ende. Dann wird IBA-Geschäftsführer Karl Ganser die Stafette symbolisch weiterreichen an die neue Internationale Bauausstellung, die "IBA Fürst-Pückler-Land". Sie umfasst ein 5000 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Spreewald im Norden, polnischer Grenze im Osten und Hoyerswerda im Süden.

Zum Auftaktgebiet der Schau ist die Industriegemeinde Grossräschen zwischen Senftenberg und Cottbus erkoren, wo die IBA-Gesellschaft ihren Sitz in einem früheren Verwaltungsgebäude der Braunkohlenindustrie bezogen hat. Es steht an der künftigen "IBA-Allee", eine schnurgerade Straße, die einst das Zentrum der 12 000 EinwohnerStadt mit Grossräschen-Süd verband. Doch der Ortsteil wurde Anfang der neunziger Jahre abgebaggert, so dass die Allee heute am Rand eines riesigen Tagebaulochs endet. Aus dem Tagebau soll ein See werden, aus dem Dead end an seiner Abbruchkante ein schmucker Bootshafen. Die entlang der Straße aufgereihten Gebäude erinnern an die Geschichte des Braunkohlebergbaus: Ledigenheim, Apotheke und Direktorenvilla aus der Jahrhundertwende, ein paar Meter weiter Bauten in der soliden Sachlichkeit der frühen DDR-Zeit: Poliklinik, Haus der Jugend, Berufschule der Ziegler. Die IBA-Planer will alle Häuser sorgfältig wiederherstellen.

Die neue Bauausstellung übernimmt die Stafette mit ihrem Überbringer: Karl Ganser ist zum Vorsitzenden der Strategiekomission bestimmt. In dieser Funktion soll er seine Erfahrungen aus zehn Jahren IBA-Management an der Ruhr der Arbeit in der Lausitz nutzbar machen. Die von jahrzehntelangem Braunkohleabbau verwüstete Lausitzer Landschaft soll durch die IBA wieder in eine Kulturlandschaft verwandelt werden.

Doch abgesehen von der Ausgangssituation eines verschlissenen Industriereviers hat die künftige IBA-Region mit dem Ruhrgebiet nichts gemein. Während längs der Emscher etwa fünf Millionen Menschen wohnen, sind es in der Lausitz gerade vierhunderttausend. Da die IBA über keinen eigenen Etat verfügt, sondern ihre Projekte nur aus bestehenden Förderprogrammen finanzieren kann, wird Fürst-Pückler-Land eine kleine IBA mit bescheideneren Projekten als ihre Vorgängerverantaltungen. Der grösste Unterschied ist wohl, dass sie eine Bauaustellung ohne Architektur sein wird. Bisher sind erst zwei Neubauprojekte geplant: Ein Zeppelinhangar sowie ein Infopavillon am Rande eines Tagebaus, der zur Aussicht auf die Mondlandschaft in Transformation einladen soll. Im Mittelpunkt der IBA-FürstPückler-Land wird stattdessen die gestalterische Neuaneignung der Bergbaufolgelandschaft und ihrer industriellen Zeugen für ein Leben nach der Kohle stehen.

So möchten die Planer die historische Bergarbeitersiedlung "Marga" sanieren. In ihrem ehemaligen Kaufhaus soll ein Kunsthandwerkerhof Platz finden. In einer Abfolge ausgekohlter Braunkohle-Tagebaue soll eine Seenkette entstehen. Der Muskauer Landschaftspark des Fürsten Pückler, heute zu zwei Dritteln auf polnischer Seite gelegen, soll im historischen Zustand wiedererstehen, die deutsche und polnische Hälfte durch eine neue Brücke verbunden werden.

Wenige Monate vor dem Start präsentiert sich der IBA-Vorhabenkatalog als bunter Gemischtwarenladen von Projekten, die zwar alle etwas mit Rekultivierung und der Stärkung regionaler Identität zu tun haben, eine klare Vision aber vermissen lassen. "Das ist ein wunder Punkt", räumt IBA-Direktor Rolf Kuhn ein. Im September soll die strategische Kommission aus Planern und Politikern tagen und die Konkretisierung der Vorstellungen vorantreiben.

Wie Karl Ganser kann auch Kuhn auf umfassende Erfahrungen in Sachen Transformation altindustrieller Regionen zurückblicken: Von 1987 bis 1998 Direktor der Dessauer Bauhaus-Stiftung, wirkte er seit Anfang der 90er Jahre maßgeblich an dem Programm "Industrielles Gartenreich" mit. Mit Land-Art-Inszenierungen, Kunstspektakeln und der Sanierung von Industrie-Monumenten wiesen die Bauhaus-Planer den Weg zur zukunftsfähigen Umwertung der mitteldeutschen Industrielandschaft.

Ein paar Kilometer südlich von Grossräschen stehen die rußgeschwärzten Backsteintürme der früheren Kokerei von Lauchhammer. Ungetüme aus gelben Klinkern, die an die Ecktürme mittelalterlicher Kastelle erinnern. Zwischen diesen pittoresken Relikten der Kohlenzeit soll ein "Industrie-Landschafts-Park" entstehen. Die Idee erinnert stark an das in einen Erlebnispark umgebaute Hüttenwerk Duisburg-Meiderich. Nicht nur dieses Vorhaben der Lausitz-IBA nährt den Verdacht, dass die Projekt-Nomaden Ganser und Kuhn ein an der Emscher und in Mitteldeutschland erprobtes Strickmuster der festivalisierten Regionalentwicklung ohne neue Zutaten ein Stück weiter östlich noch einmal neu auflegen. Das ist zweifellos zum Wohle der Region, wirft aber die Frage auf, ob ein regionales Rekultivierungsprogramm tatsächlich die Ausrufung einer IBA rechtfertigt. Verbindet sich doch mit diesem Kürzel die Erwartung grundsätzlich neuer Konzepte, die mit internationaler Beachtung rechnen können.

"Das Neue an der Sache ist die Dimension des Umgestaltungsgebietes und der knappe Zeitrahmen von zehn Jahren, in dem eine ganze Region umgekrempelt werden soll", betont Kuhn. Die IBA soll Europas "größte Landschaftsbaustelle" werden. Die Dimension der Eingriffe sind so gewaltig, dass die Tagebaubagger, die einst die Landschaft zerfraßen, nun für ihre Neumodellierung zum Einsatz kommen. Der Ausspruch "Berge versetzen" ist nicht länger Metapher.

Doch ohne schillernde, öffentlichkeitswirksame Einsprengsel zeitgenössischer Kunst und Architektur wird es die Bauaustellung im Pückler-Land schwer haben, Publikum in die Region zu locken und über das pragmatische Ziel der Rekultivierung hinauszuweisen.

Immerhin bleibt noch Zeit, dem Programm neue Mosaiksteinchen hinzuzufügen. Derzeit ist im Gespräch, die Süd-Berliner Bezirke Köpenick und Treptow in die IBA einzubeziehen. Bindeglied zwischen Grosstadt und Braunkohlerevier ist der Lauf der Spree. Wieder ein Fluß als roter Faden.

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