Kultur : Die Internetrevolution: Echte Socken (Kommentar)

Christiane Peitz

Ach, Das Netz. Alles, sagen die Zukunftsfans, verschwindet darin: das Eigentum (Jeremy Rifkin), der Mensch (Bill Joy), der Sex (www.porno.com) - und irgendwann auch die übrige Wirklichkeit, Zeit und Raum inklusive. Es geht ja schon los. Wenn Bill Gates - wie gestern geschehen - seine neueste Software weltweit zeitgleich ausliefern kann, dauert es nicht mehr lange, bis der Globus in rasendem Stillstand erstarrt. Denn allüberall sind wir alle schon da, kein Zögern mehr nirgends, nur noch Cyber, jetzt gleich und so fort. Die Zukunft gehört den Simultanübersetzern, der Rest ist Simulation. Der einsame User sitzt mit stierem Blick, steifem Rücken und kalten Füßen reglos vor dem PC, während sämtliche Bilder, Daten und Fakten der Menschheit an ihm vorbeirauschen: die Monade im Cyberspeck, mit Zugang und Anschluss rund um die Uhr. Und das globale Dorf braucht immer mehr Psychologen, die die Opfer der Internetsucht therapieren. Sagen die einen, die mit den Träumen und den Alpträumen von einer vernetzten Welt.

Ach, das Öl. Irgendwie zäh, sagen die anderen. Altmodisch zäh. Und der neue Mensch ist es auch: Trotz Netz, Napster und E-Commerce bewegt er sich offenbar immer noch von seiner Homepage hinaus vor die Tür. Trotz Zugang will er Ausgang, trotz Mobilfunk liebt er sein Automobil. Ohne den immer teureren Sprit, diesen Stoff, aus dem die Mobilität ist, fehlt ihm was. Deshalb streikt zur Zeit halb Europa und steht im Stau, weil keiner für sein Recht auf Fortbewegung teuer bezahlen will. In der Monade steckt eben doch der Nomade, und der ist renitent. Immer noch und immer wieder.

Schon die technische Revolution des letzten Jahrhunderts zeitigte seltsame Gleichzeitigkeiten. Plötzlich waren die massenhaft vereinsamten Fernsehzuschauer das Ausharren vorm Bildschirm leid und sehnten sich nach der Masse. Und so boomten mitten im TV-Zeitalter Filmfestivals, Kino-Events und die Bilder-Supermärkte der Multiplexkinos. Dort traf man sich wieder in der Gemeinschaft der vielen, lauter ziemlich soziale Wesen in geduldig sich drängelnder Menge. Und selbst der derzeit noch süchtige Internetfreak erinnert sich mitunter daran, dass er neben der Suchmaschine auch die Bringmaschine braucht, neben der Botschaft den Boten: den guten, alten Postboten zum Beispiel, der ihm das bestellte Bücherpaket nach Hause bringt, oder den Mann vom Pizza-Service. Und so taucht sie dank der Ölkrise wieder auf, die angeblich im Verschwinden begriffene Realität. Seht her, ich bin noch da, sagt sie und grinst. So lange ihr aus Fleisch und Blut seid, wollt ihr nicht nur ISDN-Anschluss, sondern auch den Anschluss zu Euresgleichen. Mehr als jedes Funkloch und jeder Festplatten-Absturz stören euch eure kalten Füße. Keine noch so nette Chatline kann die zarten Bande eines Tete-a-Tetes ersetzen. Und die Autorin dieser Zeilen wird sich nach ihrem Arbeitstag am Computer der Frage widmen, ob sie die Herbstgarderobe der Tochter per Luftpost oder auf dem Seeweg ins ferne New York verschickt. Denn per E-Mail und Handy lassen sich warme Strümpfe nunmal nicht übermitteln.

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