Kultur : Die IRA lenkt ein: Im richtigen Augenblick

Martin Alioth

Selten wohl haben sich Laienschauspieler so exakt ans vereinbarte Drehbuch gehalten: Die Abrüstung der IRA hat begonnen, und bei allen Gutwilligen ist die Erleichterung zu spüren. Politiker in Belfast, Dublin und London geben sich Mühe, die Empfindlichkeiten vormaliger Gegner zu schonen, denn sie wollen den Neubeginn. Sie suchen nach der Euphorie, die im Zank der letzten dreieinhalb Jahre auf der Strecke blieb. Und jetzt, wo die scheinbar unüberwindliche Hürde der Entwaffnung endlich überwunden ist, will man zum Primat der Politik zurückkehren.

Der Anker des Neubeginns ist der kanadische General John de Chastellain, der bislang arbeitslose Beauftragte für die Durchführung der Entwaffnung. Er war Zeuge, wie eine beträchtliche Menge von Waffen, Munition und Sprengstoff unbrauchbar gemacht wurde und durfte sogar ein Inventar aufnehmen. Aber er wird sein Wissen für sich behalten, seine Versicherung muss genügen. Das gehört zum Drehbuch.

Der Vorsitzende der größten Unionistenpartei Nordirlands, der ehemalige - und wohl auch zukünftige - Chefminister David Trimble, baut auf de Chastellains Redlichkeit und will nun die Koalitionsregierung mit der Sinn Fein-Partei wieder bilden. Am Samstag bittet er seinen 110-köpfigen Parteiausschuss um die Bewilligung, nächste Woche soll die Regierung dann wieder formell zusammentreten. Trimble selbst muss als Chefminister wiedergewählt werden, was nicht ohne Schwierigkeiten abgehen wird, denn er bräuchte dazu jede einzelne Stimme seiner eigenen Parlamentsfraktion - und bekanntlich sitzen im eigenen Rücken immer die größten Feinde. Aber die Probleme scheinen nicht unüberwindbar.

Briten ziehen sich zurück

Gleichzeitig regt sich die britische Regierung. Gestern Nachmittag kündigte der britische Nordirlandminister John Reid, der als Schotte seine Aufgabe mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen meistert, die Verschrottung von vier Beobachtungstürmen entlang der inneririschen Grenze an. Da bleiben dann noch elf übrig. Zufälligerweise tut das der britischen Armee zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders gut, denn wie die "Irish Times" diese Woche berichtete, sind mehr als die Hälfte aller britischen Helikopter in Nordirland gebunden, wo sie die Versorgung und Entsorgung der Beobachtungstürme gewährleisten. Spitze Zungen behaupten, jeder Teebeutel fliege in Süd-Armagh zweimal: einmal vor und einmal nach dem Gebrauch.

Weitere Hürden bleiben: Sinn Fein hat als einzige Partei die Polizeireform verworfen. Aber ausnahmsweise haben sich die anderen Parteien emanzipiert: Am 4. November verliert die bisherige "Royal Ulster Constabulary" ihren Namen und wird künftig "Police Service of Northern Ireland" heißen. Tags darauf tritt die neue Aufsichtskommission über die neue Partei erstmals zusammen. Es ist Teil der umfassenden Reformen, dass die britische Regierung im nächsten Herbst zusätzliche Reformgesetze erwägt, um die bisherigen Erfahrungen mit der neuen Truppe zu verarbeiten. Spätestens dann muss es gelingen, auch Sinn Fein in die Verantwortung für Ruhe und Ordnung einzubinden. Das alles ist die "große Politik".

Schikanen im Alltag bleiben

An der Basis indessen werden katholische Schulmädchen unverändert täglich von ihren protestantischen Nachbarn in Nord-Belfast auf dem Weg zur Schule schikaniert. Neue Mauern werden gebaut, um Katholiken von Protestanten zu trennen. Protestantische Terrorkommandos sind von den Fesseln des Waffenstillstands befreit und denken nicht im Traum daran, auf ihre Rohrbomben zu verzichten. Aber es war schon immer die Grundprämisse dieses kühnen Friedensversuchs, dass ein stabiler demokratischer Rahmen eine notwendige Voraussetzung für die Entspannung an der Basis darstellt. Jetzt ist dieser Rahmen nicht nur wiederhergestellt worden, sondern auch solider als zuvor.

Aber es bleibt weiterhin unklar, ob diese auf Gleichberechtigung und Respekt gestützten Strukturen eine hinreichende Voraussetzung für die Aussöhnung zwischen verschreckten Nachbarn darstellen. Und natürlich birgt die Selbstentwaffnung auch Risiken für die IRA und Sinn Fein selbst. Splittergruppen und dogmatische Republikaner rufen jetzt "Verrat" und verweisen höhnisch darauf, wie hingebungsvoll Sinn Fein sich jetzt für das Überleben eines britischen Nordirlands ins Zeug legt.

Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams appellierte deshalb mehrfach leidenschaftlich an die Geschlossenheit der Republikaner und an die Notwendigkeit, strategisch zu denken. Aber er weiß, dass seine Basis in der IRA stets auch eine Schutztruppe sah und dass die heimtückischen Attacken protestantischer Kommandos auf beliebige Katholiken der ganzen Friedenspolitik einen Strich durch die Rechnung machen können. So sind alle gefordert, die Normalisierung Nordirlands muss, so scheint es, täglich neu erkämpft werden - aber mit friedlichen Methoden.

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