Kultur : Die IRA lenkt ein: Respekt wider Willen

Martin Alioth

Der Barmann, der zum IRA-Kommandanten von Belfast aufstieg, und der Rechtsprofessor, der einst einer Bürgerwehr gegen eine Koalitionsregierung von Katholiken und Protestanten angehörte: Gerry Adams und David Trimble sind in der Tat ein ungleiches Paar, wenn sie nun versuchen, den nordirischen Friedensprozess gemeinsam zu retten.

Der Präsident der IRA-nahen Sinn Fein-Partei und der Vorsitzende der größten Protestantenpartei haben sich noch nie öffentlich die Hand geschüttelt, aber in diesen Tagen gehen sie behutsam miteinander um. Im Widerspruch zu den herkömmlichen Regeln der nordirischen Politik, die bislang von den Gesetzmäßigkeiten des Nullsummenspiels bestimmt war, gehen beide Männer in Nordirland gestärkt aus diesem Prozess hervor.

Adams und seine Freunde haben ihre Kontrolle über die IRA ausgebaut und dürfen künftig als ernst zu nehmende Politiker gelten. Der bärtige Belfaster Adams gilt als obervorsichtig, er überlegt lange, bevor er handelt, er sichert das Terrain nach allen Seiten ab, bevor er Neuland betritt. Aber gleichzeitig hat er sich den Ruf eines makellosen Strategen erworben.

Der Unionistenchef David Trimble hat seinerseits bewiesen, dass er mit seiner bisweilen störrischen Taktik Ergebnisse erzielt. Mehrfach musste er in seiner Ulster Unionist Party ums politische Überleben kämpfen, weil er mit Sinn Fein zusammenarbeitete.

Arrogante Neinsagerei

Seinen innerparteilichen Widersachern darf er nun mit Fug und Recht vorhalten, dass sie mit ihrer arroganten Neinsagerei keine einzige Patrone erhalten hätten. Trimbles Reaktionen zeigen, dass er seine Kritiker künftig entschiedener als bisher in Schranken weisen will. Dabei braucht er weiterhin Hilfe. Aber gestern gingen Vertreter seiner Partei zum Angriff auf die Rivalen in der fundamentalprotestantischen Partei des Pfarrers Ian Paisley über. Das Selbstbewusstsein ist offenkundig gewachsen, aber als Trimble am Dienstagabend gefragt wurde, ob er denn nun recht behalten habe, antwortete er mit ungewöhnlicher Behutsamkeit, er wolle kein Salz in die möglichen Wunden anderer reiben.

Von ihrer sozialen Herkunft her könnten die beiden Männer verschiedener kaum sein. Die Familie Adams aus West-Belfast rebelliert seit Generationen gegen die britische Herrschaft. Da ist eine Geborgenheit in herkömmlichen Werten zu spüren, die den Verwandlungsprozess zum Friedenspolitiker noch bemerkenswerter macht. Dafür wird er auch in den Stammlanden Sinn Feins vergöttert, da kann Gerry nichts falsch machen.

Trimble dagegen kommt aus mittelständischer Bürgerlichkeit, und seine Partei gilt als Honoratiorenverein von Landbesitzern, Kaufleuten und Selbständigen. Der Mann selbst ist spröde, er meidet das Bad in der Menge, er hat nur ausnahmsweise versucht, seine Wähler von den Vorteilen einer einvernehmlichen Politik zu überzeugen. Trimbles rhetorische Sternstunde kam bezeichnenderweise in Oslo, als er den Friedensnobelpreis entgegennahm, da brillierte er mit intellektuellen Höhenflügen.

Diese Unterschiede äußern sich an der Urne: Adams hat seine Partei erstmals zur größten Katholikenpartei Nordirlands gemacht, während Trimbles Unionisten an Schwindsucht leiden. Aber die beiden brauchen einander. Und das erklärt - neben der globalen Empörung gegen jeglichen Terror seit dem 11. November - das jüngste Einlenken der IRA. Wer je über Trimbles Schulter geguckt hat auf der Suche nach Nachfolgern, der weiß, dass der Mann vorläufig unersetzlich ist. Denn Adams und Trimble verbindet eines: politische Zivilcourage. Die erkennen sie wohl auch im anderen, wenn auch widerwillig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben