Kultur : Die Jagd nach dem Stunt

FRANK NOACK

In der Weimarer Republik gehörten Abenteuer- und Sensationsfilme zum Alltag: Filme von Richard Eichberg, Fritz Lang, Joe May und vor allem Harry Piel, der trotz seiner wenig charismatischen Ausstrahlung bis heute der einzige deutsche Actionstar geblieben ist.

Warum hat bislang niemand diese glorreiche Tradition fortgeführt? Sind die Deutschen ein unsportliches Volk? Wohl kaum.Die Ursache für diesen Mangel dürfte eher das gestörte Verhältnis der Deutschen zur Trivialkultur sein.Actionfilme können in der Regel keine anspruchsvolle literarische Vorlage oder schauspielerische Spitzenleistungen aufweisen, und erst recht keine soziale Relevanz.Actionfilme sind in der Regel naiv und dumm.Aber sie sind nicht unbedingt naiver und dümmer als das, was das deutsche Anspruchskino mitunter hervorgebracht hat.

Jetzt versucht der Stuntman Hardy Martins, die verlorengegangene Tradition wiederzubeleben, und das Ergebnis kann sich immerhin als Talentprobe sehen lassen.Martins hat in Hollywood mit Jean-Claude Van Damme gearbeitet, und die Stunts, die er in seinem Regiedebüt "Cascadeur" vorführt, halten internationalen Vergleichen stand.

Wie er auf einem Motorrad durch eine U-Bahn-Station rast oder von einem Hubschrauber durch einen Autobahntunnel verfolgt wird, das ist exzellent choreographiert, ohne Zuhilfenahme von digitalen Effekten.Martins konnte sogar Heiner Lauterbach dazu überreden, sich an die offene Ladeklappe eines Flugzeugs zu hängen.Auch in ruhigen Momenten ist der Film ein Genuß fürs Auge.Die Bilder haben etwas Flirrendes, Schimmerndes, so als gäbe es überall nur Hitze und Staub.

Im Gegensatz zu Harry Piel verfügt Hardy Martins auch über ein ansprechendes, sympathisches Äußeres, und daß er stimmlich etwas blaß bleibt, stört nicht, da er seine darstellerischen Grenzen kennt.Er hat sich die Rolle des introvertierten Ex-Stuntmans Vincent auf den Leib geschrieben, der keine Gefühle an sich heranläßt, seit seine Frau tödlich verunglückt ist.Als Actionstar und -regisseur stellt er zweifellos eine Bereicherung für das deutsche Kino dar.

Daß "Cascadeur" auf dem Filmmarkt in Cannes gute Auslandsverkäufe erzielt hat, dürfte allerdings auch daran liegen, daß die internationalen Käufer kein Deutsch verstehen.Es wird unnötig viel zerredet, so mancher Satz tut richtig weh, und schon die Grundsituation ist problematisch: Ist die Suche nach dem legendären Bernsteinzimmer, die immer wieder im Sommerloch durch die Zeitungen geistert, wirklich so interessant, daß Menschen dafür Kopf und Kragen riskieren? Wenn ja, dann muß man den Personen wohl ihre Besessenheit abnehmen.Hardy Martins glaubt man höchstens, daß er einer bedrängten Frau aus der Not hilft.Warum er sich der so geretteten jungen Altertumsforscherin bei der Suche nach dem Zimmer anschließt, bleibt unklar, weiß er doch nicht einmal, was das Bernsteinzimmer ist.

Zwischen Vincent und der Forscherin Christin soll sich eine Art Screwball Comedy abspielen, und dafür ist die Rolle falsch besetzt.Regula Grauwiller wirkt in ihren besseren Momenten melancholisch, in ihren schwächeren einfach nur pikiert, so als schäme sie sich ihrer Mitwirkung.Dabei soll Christin doch eine liebenswerte Nervensäge sein, die Vincent aus der Reserve lockt.Ebenso fehlbesetzt ist Heiner Lauterbach als Oberbösewicht: er wirkt vernünftig und kultiviert, niemals besessen.

Umwerfend dagegen seine Komplizen: Robert Viktor Minich, anzusehen wie der junge Adolf Hitler, und Andreas Hoppe bieten herrliche Knallchargen, sie erreichen ein Comic-Strip-Niveau, das dem gesamten Film gutgetan hätte."Cascadeur" ist für einen Actionfilm der gehobenen Klasse zu einfältig, während Hardy Martins für konsequente, hemmungslose Kolportage der Mut gefehlt hat.Vielleicht sollte er in Zukunft lieber für andere Regisseure die Verfolgungsjagden drehen, statt selbst die Kontrolle über ein ganzes Projekt zu übernehmen.

Cinemax Colosseum, CineStar Hellersdorf, Filmbühne Wien, Filmtheater am Friedrichshain, Kinocenter Spandau, Kosmos, Rollberg, Royal Palast, Titania Palast, Zoo Palast

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