Kultur : Die Jugend von Minsk Sebastian Heinzels

Doku „89 Millimeter“

Hans-Jörg Rother

Vor zwölf Jahren schuf der polnische Altmeister Marcel Lozinski einen seiner schönsten Filme. „89 mm“ zeigt nichts anderes als das Umspannen der Züge im weißrussischen Grenzbahnhof Brest: zwischen den Gleisen die Arbeiter in ihren ölverschmierten Klamotten – und oben die neugierigen Reisenden, für die Brest nur ein amüsanter Zwischenstopp ist. Lozinski spricht mit keinem von ihnen, er ist mit seiner Kamera nur Zeuge, und doch bleiben die Gesichter und Verrichtungen noch lange in Erinnerung – Metaphern zweier gegensätzlicher sozialer und geografischer Welten.

In Sebastian Heinzels Film mit demselben Titel geht es nach einigen Schnappschüssen aus dem Bahnbetriebswerk rasch gen Osten, zu den Ansagen auf dem Bahnhof Minsk. Den Studenten der Filmakademie Ludwigsburg interessieren junge Menschen, und er findet sie bald: den Sohn eines geflüchteten Dissidenten, einen Fassadenkletterer mit krimineller Vergangenheit, einen patriotischen Streiter gegen Lukaschenkas Alleinherrschaft, zwei junge lebenslustige Frauen, die es nicht leicht haben, einen Soldaten, dem das Leben gefällt, wie es ist. „Westworld“ heißt der exklusive Club, in dem die Tanzlehrerin Olga pro Nacht zehn Dollar als Go-Go-Girl verdient: Der Name kennzeichnet die Sehnsucht, so zu leben, wie es im Westen möglich zu sein scheint. Jeder Tag: ein Adrenalinstoß.

Zu Beginn nennt der Regisseur das Land eine „Diktatur“, aber davon ist außer bei einem scheuen Blick auf die Wagenkolonne des Präsidenten und viele Polizisten nichts zu sehen. Heinzel porträtiert die Menschen nicht in ihrem Umfeld. Stattdessen regiert Folklore pur. Man müsste geduldig beobachten, fragen und zuhören können – wie einst Marcel Lozinski.

Hackesche Höfe, Filmkunst 66, Krokodil (alle OmU)

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