Kultur : Die junge deutschsprachige Literatur ist bis heute eine Herzenssache des Verlegers

Thomas Sparr

Im September 1959 schreibt Siegfried Unseld einen langen Brief an seinen Autor Peter Szondi zu dessen "Versuch über das Tragische", sachlich, kritisch abwägend. Er sehe nicht, "inwiefern aus dem vorliegenden Manuskript, wenn nicht die einzelnen Kommentare wesentlich erweitert und das Ganze durch einen großen Schlussessay einen Überbau erhält, ein Buch, ein organisches Ganzes werden kann, dessen Einheit mehr ist als die Summe seiner Teile". Und Unseld schließt: "Vielleicht fragen Sie mich: von welcher Auffassung vom Buch gehen Sie aus? Und ich müsste eines generellen Begriffs entraten. Sie zitierern in Ihrer schönen Büchner-Studie Dantons tragisches Wort, wonach er nicht die Revolution, sondern die Revolution ihn gemacht habe, und man könnte es variieren, dass nicht wir den Geist eines Buches, sondern er uns macht."

Szondis Buch erschien schließlich verändert; der 35jährige Siegfried Unseld aber hatte in dem Jahr, da er nach Peter Suhrkamps Tod die Leitung des Verlages übernommen hatte, sein verlegerisches Credo wie nebenher, doch umso treffender formuliert: Ein Verlagsprogramm lebt von der Qualität der Autoren und Werke, die es nicht schafft, sondern von denen es geschaffen wird.

Über vierzig Jahre sind seit jenem Brief vergangen. In diese Jahrzehnte fällt der Aufbau der edition suhrkamp mit Günter Busch, die Herausgabe der Werke von Walter Benjamin, von Ludwig Wittgenstein, von Theodor W. Adorno und Ernst Bloch, der Aufbau von Suhrkamp Wissenschaft, das ursprünglich völlig neue Konzept der Bibliothek Suhrkamp. Die Werke von Brecht und Hesse bildeten das Fundament des Verlags. Hinzu kamen die Werke von Robert Walser, den Unseld zunächst als einziger auf weiter Flur entdeckte, von Max Frisch und Paul Celan, um nur sie zu nennen. Die junge deutschsprachige Literatur ist bis heute eine Herzenssache des Verlegers.

George Steiner hat einmal den Begriff der "Suhrkamp-Kultur" geprägt und damit die Kritische Theorie gemeint, das Werk der Frankfurter Schule, dazu Proust, Joyce, Samuel Beckett, Autoren, die über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verfemt waren. Und von dieser Tradition her entschloss sich Unseld Ende der 80er Jahre zusammen mit Ignatz Bubis, den Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag neu zu gründen. Gershom Scholem war der geistige Mentor der Unternehmung.

Knapp, imperativ, prägnant und lakonisch sind die Arbeitsmaximen von Siegfried Unseld, dem jede Weitschweifigkeit, jedes Palaver ein Graus ist. Die Maxime übrigens geht auf ein Wort von Goethe zurück, und über "Goethe und seine Verleger" hat Unseld, der heute in Venedig im eigenen Autorenkreis seinen 75. Geburtstag feiert, ein bezugreiches Buch verfasst.

Zuweilen hat man die Bedeutung des Suhrkamp Verlags als Sache der Vergangenheit abgetan. Aber bis in die jüngste Gegenwart haben öffentliche Diskussionen mit Autoren des Verlages zu tun, mit Walser, Habermas oder Sloterdijk.

Gewiss neigt auch ein Verlag mit einer eigenen Tradition, einem starken, unverwechselbaren Profil zu Verfestigungen, zur Unbeweglichkeit. Der Suhrkamp Verlag hat über Jahrzehnte jedoch eine erstaunliche Kraft zu programmatischer Erneuerung und Veränderung bewiesen. Vielleicht erwächst diese Kraft aus der Beständigkeit, mit der Siegfried Unseld das Programm des Verlags betreut, aus der Treue zu seinen Autoren, jener Treue, von der Hannah Arendt sagte, sie sei ein Zeichen der Wahrheit.Der Autor leitete über acht Jahre den Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag. Seit diesem Frühjahr ist er Cheflektor des Siedler Verlags Berlin.

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