Kultur : Die jungen alten Barden

POLITISCHES LIED

Carsten Niemann

„Festival des politischen Liedes“ titelte eine Berliner Zeitung nicht unsüffisant angesichts pazifistischer Künstlerbekenntnisse zur Echo-Preisverleihung. Und nachdenklich zupfte sich mancher Feuilletonist die Ohren über die Tatsache, dass zeitgleich ausgerechnet „Alte Barden“ wie Hannes Wader, Konstantin Wecker und Reinhard Mey der Anti-Kriegs-Demonstration in Berlin eine musikalische Stimme gaben. Doch scheint es nicht von der Hand zu weisen, dass der modischen Feststellung „Retro ist in“ die überraschende Erkenntnis folgen könnte: „Retro wirkt“. Ein wenig überrascht von den aktuellen Scheinwerferlichtern auf die gesellschaftlich engagierte Musik zeigten sich die legitimen Erben des „Festivals des politischen Liedes“. Die Rede ist von den Veranstaltern des Festivals „Musik und Politik“ dessen vierte Ausgabe vom Freitag bis zum Sonntag in Wabe , ZwiEt und Distel stattfand.

Beherzt hatte man einen Schritt heraus aus der (vermeintlichen) Ostalgie-Ecke getan und die Beziehungen zwischen politischer Musik in Ost und West in den Siebziger und Achtziger Jahren zum Thema gemacht. Doch jetzt ließ die Frage danach, was zeitgemäße Formen politischen Ausdrucks sein können, die Reflexionen nach deutschdeutschen Befindlichkeiten besonders für das jüngere Publikum nostalgisch wirken: zumal sich Publikum wie Podien auch als wenig spaltbares Material erwiesen. Vergebens war die Rückschau indes nicht: Wenn Podiumsgäste wie Olaf Leitner das Bild von Rio Reiser als nachahmenswerten Klassiker zeichneten, dem es schließlich gelungen sei, jenseits von Schlagworten und Parolen die stärkeren poetischen „Geschichten und Bilder“ zu finden, waren sie wohl nahe dran an dem, was derzeit das aktuelle Potenzial des Festivals ist.

Dass ausgerechnet der „altlinke“ Podiumsgast Hans-Christian-Ströbele und Musiker von Stefan Raabs Gnaden („Gebt das Hanf frei“) der einzige charttaugliche Star des Festivals war, ist nicht nur ein Treppenwitz: Authentizität, die die Peinlichkeit nicht scheut, hat zumindest Chancen wahrgenommen zu werden. Und ganz deutlich war es die Suche nach der Kraft der Klassiker, die sich von Tommy Sands bis Dieter Süverkrüp als roter Faden durch das Festival zog.

Wie man diese Kraft wirken lassen kann, ohne selbst zum alten Barden zu werden, zeigte am eindringlichsten Hans-Eckardt Wenzel mit neuen Liedern nach Texten aus dem Archiv von Woody Guthrie. Das Angebot von Nora Guthrie, der Tochter des legendären Barden, war der Mann aus dem Osten durchaus skeptisch angegangen: Einen singenden Gewerkschafter habe er erwartet „und ich fand einen Dichter“. In Wenzels Auswahl reißt die Verbindung zwischen dem politischen und privaten Menschen Guthrie nicht ab: Sein Guthrie bleibt Flüchtling, Liebender und der Junge, dem der desinteressierte Vater lieber ist, als die Mutter, die ihm das Gesicht wäscht. Wenn es stimmt, dass die Neupositionierung der vereinigten Deutschen zu Amerika ein Akt des Erwachsenwerdens ist, dann lieferte der gemeinschaftlichste Moment des Abends eine Antwort. Den Refrain eines Wenzel/Guthrie-Liedes sang das Publikum so inbrünstig mit, dass sich Wenzel vor Überraschung verspielte. Er hieß: „Erst in hundert Jahrn, wasch ich Hände und Gesicht mir, erst in hundert Jahrn.“ Auch so kann Politik beginnen.

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