Kultur : Die Jungen, die Alten, die Junggebliebenen

Das FORUM  erkundet die Konflikte zwischen den Generationen – und die Katastrophen der Gegenwart.

Ein Bürgermeister, dessen Stadt dem GAU von Fukushima zum Opfer fiel (Nuclear Nation). Apokalyptische Bilder von der verstrahlten Region (No Man’s Zone). Die russische Künstlergruppe „Voijna“ im Kampf gegen die Zensur: Zavtra von Andrey Gryazev. Israelische Rekruten im Staatskunde-Unterricht, mit unversöhnlichen Ansichten über ihre palästinensischen Nachbarn (Soldier/Citizen). Spanische Oberschüler, die im Wahlkampf zum Schulparlament die Demokratie erproben (Escuela normal) – das Forum zeigt besonders viele Dokumentarfilme in diesem Jahr. Sie erkunden die Katastrophengebiete und Krisenherde der Gegenwart und betreiben Ursachenforschung. Welches sind die Bedingungen von Krieg und Frieden, was prägt uns, welches Erbe finden wir vor und wie verwandeln wir es uns an?

Auch die sich durch alle Festivalreihen ziehende Beschäftigung mit Migranten und Nomaden findet sich im Forum: Habituer/Construire dokumentiert die Folgen eines Straßenbauprojekts im Tschad für die Wüstenbewohner, Hiver Nomade begleitet Schafhirten in der französischen Schweiz. Um Schafe (und Ziegen auf der anderen Seite des Hügels!) geht es auch im türkischen Spielfilmdebüt Beyond the Hill. Und unser Blick auf Tiere und deren Blick zurück beschäftigt den Kanadier Denis Coté in seinem Essayfilm Bestiaire.

Die Spielfilme des Forums richten den Fokus vor allem auf die Beziehung zwischen den Generationen, auf die junggebliebenen Alten und die Ratlosigkeit der jungen Erwachsenen von heute. Wie wollen wir leben? Taugen die Lebensentwürfe der Eltern für das eigene Koordinatensystem? In Ann-Kristin Reyels Inseldrama Formentera besucht Nina (Sabine Timoteo) die ausgewanderten Alt-68er-Eltern und hinterfragt ihre eigene Kleinfamilienexistenz. Ähnliche Konstellationen finden sich in Avalon aus Schweden, in der niederländischen Vater-Tochter-Geschichte Hemel und im eindringlichen slowenischen Kammerspiel A Night Too Young. Darin verbringen zwei Jungs die Neujahrsnacht in der Wohnung ihrer Lehrerin und erleben staunend die seltsam leeren Partyrituale der Erwachsenen. In Rade Judes rumänischem Spielfilm Everybody in Our Family läuft ein Patchwork-Familienvater Amok, in Choked aus Korea werden einem Berufsanfänger die immensen Schulden seiner Mutter aufgebürdet. Die Gläubiger sind ihm auf den Fersen: die Schuldenkrise als biografisches Action-Psychodrama.

Der anrührendste Film über die zwischen Kindern und Eltern zerrissene mittlere Generation stammt aus Uruguay: In La demora von Rodrigo Plá versorgt eine alleinstehende Mutter mit kargem Näherinnenlohn neben ihren Kindern auch ihren dementen Vater. Als sie sich nicht mehr zu helfen weiß, setzt sie ihn notgedrungen auf einer Parkbank aus.

Besonders sehenswert: Modest Reception aus Iran. Regisseur Mani Haghighi („Men at Work“) schickt ein reiches Intellektuellenpaar aus Teheran ins Gebirge, das Säcke voller Geld an die armen Bergbewohner verteilt. Eine bitterböse Moritat über das soziale Gefälle im Iran, die Arroganz der Städter und die Ambivalenz der Wohltätigkeit. Aus Amerika kommen drei Independent-Produktionen: Heldin von The Kid Thing ist ein verwahrlostes Mädchen, Francine heißt eine aus der Haft menschenscheue Frau, und in For Ellen geht es um einen Rockmusiker und seine kleine Tochter – noch ein Generationenfilm.

Die Sondervorführung eines Dominik-Graf-Films entwickelt sich langsam zur Tradition: In Lawinen der Erinnerung porträtiert Graf den einflussreichen Autor, Regisseur und Produzenten Oliver Storz, der 2011 starb – ein Stück deutsche (Fernseh-)Geschichte. Außerdem im Programm: eine kleine Retro des Japaners Kawashima Yuzo und ein Blick auf das vergessene Filmland Kambodscha. Dort gab es in den Sechzigern eine Blüte des fantastischen Märchenfilms, die meisten Produktionen wurden vernichtet. Das Forum zeigt einige gerettete Filme sowie die Dokumentation Le sommeil d’or.

Rund um die Uhr: Der radikalste Film, den das experimentierfreudige FORUM EXPANDED im Grenzland von Kino, Kunst und Installation zu bieten hat, heißt whiteonwhite:algorithmicnoir. Er zeigt die Überwachung eines Mannes in Echtzeit und wird live geschnitten, jeden Tag neu. Insgesamt gibt es zehn ExpandedProgramme im Arsenal und im Delphi, hinzu kommen Ausstellungen in den Kunstsaelen Berlin und im Gutschow- Haus sowie Veranstaltungen im HAU. Fünf Podiumsgespräche sind anberaumt, u.a. mit Künstlern und Filmschaffenden aus Ägypten. Die Natur kommt auch nicht zu kurz: Das Arsenal-Foyer wird wieder von den Prinzessinnengärten bepflanzt, gleich daneben die Filmhaus-Bar.

Last but not least: Zum sechsten Mal sichtet die TAGESSPIEGEL-LESERJURY die Filme des Forums. Das 9-köpfige Gremium prüft 38 Filme, die als Welt- oder internationale Premieren laufen. Der Siegerfilm ist am Berlinale-Publikumstag, den 19.2., um 19.30 Uhr im Cinemaxx 4 noch einmal zu sehen. Karten gibt’s im normalen Vorverkauf (siehe S. 26). chp

Säcke voll Geld verschenken und die Beschenkten kränken – eine bitterböse Moritat aus Iran

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