Kultur : Die Kannes-Rolle

Proll ist toll: Peter Lunds „Trost der Frauen“ an der Neuköllner Oper

Uwe Friedrich

Auch in den Berliner Vorortsiedlungen ist nicht alles eitel Freude. Das Ehepaar Flut steht gerade mächtig unter Druck. Er weiß nicht so genau, wo das Geld für die Hypothek herkommen soll, wenn sein Chef ihn tatsächlich rauswirft, und sie hat mit den Zwillingen alle Hände voll zu tun. Da bleibt wenig Zeit für Sex, und so richtig Lust aufeinander haben die beiden auch schon seit einiger Zeit nicht mehr. Klarer Fall für den Frauenbeglücker Erwin Kannes von nebenan, der es eben kann. Weniger freundliche Menschen würden ihn vielleicht Sozialschmarotzer nennen, aber der Mann hat zweifellos Qualitäten, die er den Nachbarinnen in obszönen Briefen anpreist.

Das putzige Ambiente des Ausstatters Jürgen Kirner mit seinen sauberen Häuschen und kleinen Bäumchen gerät schnell aus den Fugen. Herr Flut findet den eventuell stattfindenden Seitensprung seiner Liebsten mit dem Nichtsnutz von nebenan nämlich gar nicht witzig. Die Geschichte ist mehr als nur ein bisschen von Shakespeares „Lustigen Weibern“ inspiriert, aber Texter und Regisseur Peter Lund schlägt auch diesmal wieder verblüffend neue Funken aus dem alten Stoff. Das fängt damit an, dass die verzweifelten Hausfrauen dem leicht verkommenen Charme dieses Schwerenöters auf Hartz IV durchaus erliegen. Erwin kann was, das seine Konkurrenten nicht können. Sein Geheimnis hütet er in einer Jogginghose aus echter Fallschirmseide, aus der Unterwäsche ragt, wie sie selbst in Humana-Läden nur schwer auffindbar sein dürfte. Er kriegt die Frauen mit Walzer und Tango rum. Das hätte man dem Zausel gar nicht zugetraut, aber die Nachbarinnen werden reihenweise schwach. Diese erfolgreiche Masche probieren die pubertierenden Nachbarskinder auch gleich bei ihren Mädchen aus. So gibt es ausreichend Gelegenheit für flotte Tanznummern.

Dass der Komponist Thomas Zaufke auf musikalischem Feld mindestens ebenso viel kann wie sein Titelheld andernorts, ist bereits mehrfach und ausgiebig bejubelt worden. Beispielsweise kann er das gesamte amerikanische Musical von der klassischen Steptanznummer bis zum tränendrückenden Torch-Song plündern, auseinander nehmen und mit durchaus eigenen musikalischen Ideen wieder zusammensetzen. So muss sich das Publikum bei Rossini-Uraufführungen gefühlt haben: Alles ist so angenehm vertraut und doch immer wieder originell. Das gilt auch für manche dramaturgische Schleife, die Peter Lund im seinem Libretto nimmt. Da geht es selbstverständlich wieder um Sein und Schein in der Liebe, um Paare, von denen wir gleich zu Beginn ahnen, wer am Schluss zu wem gehören wird. Doch zunächst müssen sie singend einige Verwirrungen überstehen. Der Mann kann einen Knoten schürzen, auch wenn er ihn am Ende ziemlich beherzt durchschlagen muss.

Dabei helfen ihm die Studenten der Universität der Künste Berlin, die hier viel mehr als nur eine Talentprobe abgeben. Ein großartig aufeinander abgestimmtes Ensemble von wiedererkennbaren Typen singt und tanzt so überzeugend zusammen, dass selbst kleinere Schwächen die Glaubwürdigkeit nur noch steigern. Hans-Peter Kirchberg leitet die Sänger und die fünf weiteren Musiker vom Klavier aus mit sicherer Hand durch den dreistündigen, ungemein kurzweiligen Abend.

Der Gipfel der Genüsse ist aber Benjamin Eberling in der Titelpartie. Er kommt so prollig daher, dass man fast meint, er sei gleich von der Karl-Marx-Straße zwangsverpflichtet worden. Die Neuköllner Oper ist nach einigen Ausflügen wieder bei sich selbst angekommen.

Wieder am 24., 25. und 30. Juni sowie am 1.-3. und 7.-9. Juli, jeweils 20 Uhr.

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