Kultur : Die Kanzlerin vom Ku’damm

Wer im Glashaus sitzt: Beobachtungen aus schwebender Lage

Tanja Dückers

Gegenüber der Kanzel fuhr der 19er Bus in Richtung Roseneck ab. Sieben Jahre lang bin ich von hier aus den Ku’damm hoch bis zum Walther-Rathenau-Gymnasium gefahren. Interessanter als die tägliche Ku’dammfahrt – da döste ich meist hinten auf dem Oberdeck – war der Weg von der elterlichen Wohnung zur Bushaltestelle: Zunächst lief ich die Schaperstraße entlang und kam dabei an der „Parkpalette“ vorbei. Heute befindet sich auf ihrem Dach die Bar jeder Vernunft. Sie befindet sich deshalb dort, weil die Parkpalette eine Fehlkonstruktion und nicht stabil genug ist, um die Last von Autos zu tragen. Unter der Parkpalette residierten schon immer Penner. Residierten? Ja, der Ausdruck ist ganz treffend, denn sie hatten allerlei „Vereinbarungen“ mit ihrer Nachbarschaft getroffen, die ihnen ein verhältnismäßig kommodes Leben ermöglichte: Von der Freien Volksbühne (jetzt Haus der Berliner Festspiele) durften sie sich Strom abzwacken. Das erlaubte kleine Generatoren, Heizungen, Herdplatten, Stereo-Anlagen. Es gab auch Übereinkommen mit Anwohnern wie meinen Eltern: Die Penner bewachten ihr Auto, und sie brachten Decken, Zeitungen, Kuchen, Brot, Wurst, Käse unter die Parkpalette.

Ein paar Meter weiter kam ich an einer Apotheke vorbei. Mit seinem Inhaber, einem schnauzbärtigen Hünen im Alter meines Vaters, begann ich, das dreizehnjährige Mädchen mit Peace-Buttons und Cordhosen, lange Diskussionen zu führen. Herr K. stammte aus dem Irak und war Kurde. Von ihm erfuhr ich von der „freundlichen“ Behandlung, die das Baath-Regime seinen Landsleuten zuteil werden ließ. Herr K. hatte in Deutschland politisches Asyl erhalten. Für seine stoßweise hervorgebrachten Monologe führte Herr K. mich in den hinteren Teil der Apotheke. Einmal zeigte mir Herr K. seine Narben. Danach habe ich mich nicht mehr in die Apotheke getraut.

Ab und zu nahm ich einen anderen Weg und kam an einer Peep-Show vorbei. Sie hat ihre Werbeplakate bis heute nicht ausgewechselt. Im Eingangsbereich hing ein Glitzer-Plastikvorhang aus vielen einzelnen bunten Streifen, die, besonders bei heißem Wetter, ständig miteinander verklebten und dicke Knäuel ergaben. Meine Freundin Pascale und ich kamen im Laufe der Jahre zu dem Ergebnis, dass es keinen Typ von Männern gab, den es nicht in die Peep-Show zog. Hippies, Softies, Rentner, Familienväter, Jüngelchen, kaum älter als wir – alle schoben sie ihre Köpfe ängstlich zwischen den flatternden Plastikvorhang, um sich dann – noch einmal den Hosenschlitz zurechtrückend – mit sichtlicher Erleichterung endlich dem Vorwärts-vorwärts der Stadtmenschheit zu überlassen. Ihre Scham stand in eigentümlichem Kontrast zu Herrn K.s gequältem Exhibitionismus.

Der Anblick der Kanzel kündigte schon die Bushaltestelle an – gut erinnere ich mich noch an die Zeiten, als dort oben ein Polizist saß. Es war ausgesprochen unangenehm, diesen schwebenden Beobachter über sich zu wissen. Dass die Kanzel irgendwann nicht mehr benutzt wurde, hatte etwas Erleichterndes. Gerade, weil von da oben immer auf uns herabgeschaut worden war, löste der Anblick der leeren Kanzel bei Pascale und mir den Wunsch aus, auch einmal dort oben zu sitzen und gnadenlos auf die Passanten herabsehen zu können.

Damals hatte der Ku’damm noch ein anderes Flair. Es gab mehr elegante Boutiquen und viel weniger Discounter, richtigen Luxus, Reichtum und Pracht – und gleichzeitig Düsteres, Disharmonisches, Spuren von Gewalt. Versinnbildlicht in der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die auf mich schon als kleines Kind tiefen Eindruck gemacht hatte. An der Haltestelle wartete Pascale immer auf mich. Wir redeten über Klausuren, Mitschüler, gelegentlich sprachen wir auch über „Jungs“, jedoch immer mit dem Schlusssatz, dass sie allesamt „indiskutabel“ seien. Im zarten Alter von dreizehn Jahren kamen Pascale und ich zu dem unumstößlichen Ergebnis, dass wir den Rest unseres Lebens allein bleiben würden. Aber das wäre ja auch gar nicht das Schlechteste, das Allein-Bleiben, besser zumindest, als ein aufgetusstes Mäuschen zu sein, das einem dumm vor sich hinrülpsenden Typen auf dem Schoß sitzt und bewundernd zu ihm aufblickt.

Was ist aus Herrn K. geworden? Mit Abitur und Führerschein in der Tasche betrat ich Jahre später selbstbewusst die alte Apotheke. Eine blonde, herrisch aussehende Dame mit randloser Brille fasste mich ins Auge. Meine Frage nach Herrn K. schien ihr nicht zu behagen. „Der arbeitet nicht mehr hier.“ „Aha, warum?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ „Wo arbeitet er denn jetzt?“ „Der arbeitet hier nicht mehr, sagte ich doch schon. Kann ich etwas für Sie tun, junge Frau?“ Als meine Hand schon auf der Klinke lag, erhob sie doch noch einmal ihre Stimme. „Der tickte nicht mehr richtig, verstehen Sie? Es gibt solche Leute, die…die einfach immer Probleme machen.“ Ich wandte mich wieder zu ihr um. „Probleme…wissen Sie, was er erlebt hat, bevor er hierher kam? Wissen Sie das überhaupt? Er ist ein politischer Flüchtling! Er ist gefoltert worden!“ Die Apothekerin starrte mich befremdet an. „Hören Sie mir mal gut zu: Der eine ist geschieden, der Nächste hat ein behindertes Kind, der Übernächste eine depressive Frau, der Überübernächste Rheuma, der Überüberübernächste einen geschundenen Rücken, verstehen Sie? Mir ist das, hören Sie mir jetzt gut zu: scheißegal!“

Die Peep-Show-Besucher sind nicht mehr so schamvoll, so verklemmt wie damals. Den Glitzervorhang, die scheuen Blicke gibt es nicht mehr. Sex ist allgegenwärtig wie ein mildes Parfüm, und schriller Luxus ist durch freundlich-mädchenhafte H&M-Mode ersetzt worden. Die Damen auf dem Ku’damm tragen nicht mehr Pelze, sondern Strickjacken. Und hellblaue Damenturnschuhe statt goldene Pfennigabsätze. Diese Meile hat so viel gesehen: Kurfürsten, alliierte Geschwader, Studentenunruhen, Friedensdemonstrationen, die ersten Love-Parades – jetzt ist aus ihr eine unspektakuläre Einkaufsstraße geworden. Sie wird nicht mehr überwacht, sondern beschrieben. In der Polizeikanzel sitzen ein paar Tage lang junge Schriftstellerinnen.

Nur die Gedächtniskirche bleibt. Ihrem Namen treu.

Der gekürzte Vorabdruck stammt aus dem Band „Kanzlerinnen, schwindelfrei“, der im Transit Verlag erscheint (hg. v. Corinna Waffender, 144 S., 14,80€). Autorinnen wie Inka Bach, Ulrike Draesner, Ines Geipel, Annett Gröschner, Pascale Hugues, Antje Ràvic Strubel und Maike Wetzel haben sich in die denkmalgeschützte Verkehrskanzel am Kurfürstendamm/Ecke Joachimsthaler Straße gesetzt und darüber geschrieben. Das Buch wird am 7. November im Roten Salon der Volksbühne vorgestellt (20 Uhr).

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