Kultur : Die Kanzlermaschine

Fünf Bücher widmen sich der Frage, was Angela Merkel im achten Amtsjahr noch antreibt.

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Gerhard Haderer ist inzwischen milder geworden. „Man muss nicht mehr jede Woche mit Salzsäure zeichnen“, sagt der österreichische Zeichner, der seit 1991 für den „Stern“ arbeitet. Ein Kenner der Schmerzgrenze ist er gleichwohl geblieben, vor allem wenn es um die Kirche geht.
Gerhard Haderer ist inzwischen milder geworden. „Man muss nicht mehr jede Woche mit Salzsäure zeichnen“, sagt der österreichische...

Noch ein Merkel-Buch?“ fragt Nikolaus Blome, Chef des „Bild“Hauptstadtbüros, in der ersten Kapitelüberschrift seines Buches. Tatsächlich hat der beginnende Wahlkampf zu einem Boom an Büchern über die Kanzlerin geführt. Stets mit unterschiedlichem Schwerpunkt: Mal wird Angela Merkels DDR-Geschichte seziert, dann geht es um den roten Faden in ihrer Außenpolitik, um ihr Wirken als „Deutsche“, als „ZauderKünstlerin“ oder schlicht und ergreifend um das „Phänomen Merkel“.

Es scheint also Klärungsbedarf zu geben, zwischen der Kanzlerin und ihrem Volk. Fast möchte man meinen, Merkel trete zum ersten Mal an, so grundlegend widmen sich die Bücher der Frage, was die nunmehr seit acht Jahren wirkende Kanzlerin politisch eigentlich antreibt. Die Autoren stellen verschiedene Theorien auf. Während Blome davon ausgeht, dass der Wähler in den Augen Merkels schlichtweg ein „kritischer Konsument“ sei, den es eben zu bedienen gelte, vermutet Stefan Kornelius, Außenpolitikchef der „Süddeutschen Zeitung“, so etwas wie persönlichen Forscherdrang als Hauptmotivation der Kanzlerin: „Stets stellt der Gehirncomputer Modell und Gegenmodell nebeneinander, prüft intellektuelle Kapazitäten und bildet sich ein Urteil“, schreibt er über die Gedankengänge Merkels.

Nicht nur Kornelius greift auf die Vorstellung von der detailfixierten Physikerin zurück – das Bild von der „Maschine Merkel“ gehört zu den Standardmustern, mit denen versucht wird, das Verhalten der Kanzlerin zu erklären. Dass immer wieder die akademische Ausbildung als Fluchtpunkt ihres politischen Wirkens herangezogen wird, spricht jedoch auch für eine gewisse Zwanghaftigkeit, mit der die Person Merkel von den professionellen Beobachtern (es sind Journalisten, die die nun vorliegenden Bücher geschrieben haben) analysiert wird. So ist die Rede davon, dass „erprobte Verfahren“ erneut zur Anwendung kommen, oder dass Erfolg für Merkel lediglich das „nüchterne Ergebnis“ einer „aufgehenden Gleichung“ sei.

Die Fallhöhe, von der alle Autoren bei ihren Merkel-Interpretationen ausgehen, wird schnell ersichtlich: Die Regierungschefin wird als herausragende Figur auf der politischen Bühne Europas beschrieben, als hochintelligente Persönlichkeit, die es von der Außenseiterin in das Zentrum der politischen Auseinandersetzung geschafft habe. Der Außenseiterstatus wird nicht nur mit der früheren Tätigkeit als Physikerin begründet – viel nachdrücklicher scheint ihre DDR-Vergangenheit bis heute nachzuwirken.

Kornelius zum Beispiel nimmt an, dass Merkel aufgrund ihrer Vita „dieses westliche System mit seiner Freiheit“ zutiefst verehre. Der „Welt“-Journalist Günther Lachmann und der Historiker Ralf Georg Reuth leiten sogar sämtliche Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Merkel’sche Persönlichkeit aus dem „ersten Leben der Angela M.“ ab, so auch ihr Buchtitel. Angebliche Merkwürdigkeiten, wie jene, dass Merkel ihre erste Westreise 1986 im Rückblick als Besuch von Cousinen deklariert haben soll, in Wahrheit aber Universitäten in Baden-Württemberg besuchte, verdichten sich hier zu dem Vorwurf, Merkel habe schon zu DDR-Zeiten politische Funktionen wahrgenommen. Die öffentliche Debatte, die sich daran entzündete, ob sie nun FDJ-Sekretärin für Kultur oder für Agitation und Propaganda war, versandete jedoch vor wenigen Wochen mit der Merkel-Wendung: „Ich kann mich da nur auf meine Erinnerung stützen. Wenn sich jetzt etwas anderes ergibt, kann man damit auch leben.“

Was Angela Merkel über die nun publizierten Bücher denkt, wird man wohl nicht erfahren – zumindest aber beehrte sie den Journalisten Stefan Kornelius bei seiner Berliner Buchpräsentation im Frühjahr mit einer Zweier-Diskussion, die sie zusammen mit dem polnischen Premier Donald Tusk bestritt. Kornelius’ Buch ist auch dasjenige, das am meisten Respekt vor ihrem Politikstil erkennen lässt. Es orientiert sich an der These, dass Merkels liebstes Politikfeld das der Außenpolitik ist. Kornelius zeichnet das Bild einer Kanzlerin, die die EU zwar als Teil der deutschen Staatsräson betrachte, sich einer europäischen „Finalität“, also der Vorstellung der Vereinigten Staaten von Europa, aber verweigere. Er schreibt: „Merkel hatte ihr Europa bereits geordnet, als dieses Europa sie testen sollte.“

Funktioniert die „Maschine Merkel“ also vor allem als Reparaturbetrieb? Das allein wäre noch kein großes Kompliment, denn es gibt nicht viele Politiker, die es als reine Krisenmanager zu großen Staatspersönlichkeiten gebracht haben. Aber auch Ralph Bollmann, Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, streicht diesen Punkt heraus: „Für das, was Merkel mit ihren Deutschen und in Europa unter den Umständen der verflüssigten Demokratie geschaffen hat, gibt es ein schönes italienisches Wort: Es heißt ,governabilità‘, auf Deutsch: Regierbarkeit.“

Bollmanns Blick auf die Kanzlerin ist historisch geschult, und so finden sich zwischen einigen Anekdoten, wie dem Hinweis, dass sie auch bei Ikea einkaufe oder der Geschichte, dass Putin einst seinen Hund auf Merkel losließ, durchaus interessante Verbindungen. Zum Beispiel geht Bollmann der Frage nach, warum Merkel sich irgendwann im Sommer 2012 dafür entschieden haben muss, Griechenland doch in der Euro-Zone zu halten. Als Begründung führt er ein damaliges Treffen Merkels mit der chinesischen Staatsspitze an. Die Chinesen hätten der Kanzlerin wohl bedeutet, dass es für die Volksrepublik – ein bedeutender Gläubiger auch europäischer Staatsanleihen – nicht tragbar sei, wenn Griechenland den Euro verlasse. Ohnehin – so liest man es mehrfach in den Büchern – scheint Merkels Angst, die Europäer müssten sich eines Tages der Wirtschaftsmacht China unterordnen, enorm zu sein.

Ähnlich übergeordnete Verknüpfungen finden sich allerdings oft nur am Rande der Merkel-Betrachtungen. Mitunter dominiert ein fast schon naiv zu nennender Blick auf die mächtigste Frau Europas, der zwischen Bewunderung und Verwunderung schwankt. Die Person Merkel scheint in ihrer Undeutlichkeit so zu faszinieren (Kornelius spricht gar von einem „Mysterium Merkel“), dass sich die Perspektive häufig auf das angebliche Uneitle der Persönlichkeit verengt. Eine Dekonstruktion der Merkel’schen Handlungslogik wird dadurch erschwert. Wo die Kanzlerin Begründungen ihrer Politik verweigert, da müssen auch viele Versuche scheitern, ihr von außen einen argumentativen Überbau zu zimmern. Zu Recht analysiert Bollmann, dass den „politischen Künsten“ der Kanzlerin immer auch etwas „Gespenstisches“ anhafte.

Bollmann spricht dann im Bezug auf die EU-Rettungspolitik auch einen Punkt an, der für die historische Beurteilung von Merkels Krisenpolitik noch entscheidend sein wird: „Die Frage ist, ob man dieses Ergebnis nicht früher oder zu weit geringeren Kosten hätte haben können.“ Er selbst kommt zu dem Ergebnis, dass es Angela Merkel unabhängig aller noch zu beziffernden ökonomischen Kosten als Erfolg zuzurechnen sei, die „zeitweise widerstrebenden Deutschen“ an die Politik der Euro-Rettung herangeführt zu haben.

Die Frage, welche zentrale Leistung die Deutschen ihrer Kanzlerin in acht Jahren zu verdanken haben, bleibt trotzdem seltsam unbeantwortet. Tatsächlich erscheint es widersprüchlich, dass Merkel zwar in fast jeder Rede erklärt, Deutschland drohe im globalen Wettbewerb zurückzufallen, sie als Kanzlerin innenpolitisch aber recht unambitioniert geblieben ist. Bollmann erklärt sich Merkels Beliebtheit gerade mir diesem Paradox: So spreche die Kanzlerin mit einem protestantischen „Leistungs- und Verzichtsethos“ eine tief sitzende Prägung der Deutschen an. Diese würden solche Prinzipien durchaus schätzen, sie aber selbst nicht immer praktizierten.

Tatsächlich wird Merkel durchgängig als Spiegelbild „des Deutschen“ interpretiert – misstrauisch, veränderungsscheu und übervorsichtig. Merkels deutsche Beobachter – allesamt in Westdeutschland aufgewachsene Männer – scheinen dieses Bild der Nation auch kaum hinterfragen zu wollen. Eher werten sie Merkels Beliebtheit als Bestätigung dafür, dass Deutschland eben so sei wie sie. So wird Merkels Umfragehoch ein bisschen auch zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die schärfste Kritik an Merkel kommt denn auch von der irischen Journalistin Judy Dempsey, die Merkel recht schnörkellos dafür verantwortlich macht, dass Deutschland unter ihrer Kanzlerschaft keine in sich schlüssige Strategie mehr verfolge.

„Bild“-Journalist Nikolaus Blome benutzt andere Worte: „Kreativ kann sie nicht.“ Blome ist es auch, der insgesamt einen guten Abstand zu seinem Betrachtungsobjekt wählt. Er beschreibt Merkel als durchaus fürsorglich, sieht aber ebenfalls die Probleme, die ihre Art mit sich bringt, Politik als permanente Einzelfallentscheidung zu inszenieren. Am Ende schreibt er: „Ich meine: Angela Merkels innerer Überzeugungskern, das sind – Fragen.“ Man möchte sagen: Das ist menschlich, das ist sympathisch. Als politisches System allerdings ist die Demokratie auch darauf angewiesen, dass es auf Fragen Antworten gibt.



Nikolaus Blome:
Angela Merkel, die Zauder-Künstlerin. Pantheon, München 2013, 206 Seiten, 16,99 Euro.

Ralph Bollmann: Die Deutsche Angela Merkel und wir, Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 224 Seiten, 17,95 Euro.

Judy Dempsey: Das Phänomen Merkel: Deutschlands Macht und Möglichkeiten, Edition Körber, Hamburg 2013, 201 Seiten, 16 Euro.

Stefan Kornelius: Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt, Hoffmann und Campe, Hamburg 2013, 283 Seiten, 19,99 Euro.

Ralf Georg Reuth/Günther Lachmann: Das erste Leben der Angela M., Piper, München 2013, 335 Seiten, 19,99 Euro.

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