Kultur : Die Karawane zieht nach

Mehr Bilder als Verkehrsschilder: Die Brunnenstraße ist Berlins Boommeile für Kunstgalerien

Kolja Reichert

Manche erklären die Brunnenstraße ja schon wieder für erledigt. Aber in der Kunstwelt, wo es immer darum geht, die Nase möglichst weit vorn zu haben, ist das ein so üblicher wie harmloser Reflex. Tatsache ist, dass das, was vor vier Jahren mit dem Zuzug kleiner Off-Galerien begann und sich in den letzten beiden Jahren zum Hype aufschwang, nicht enden wird, solange in dieser vernachlässigten Durchfahrtsstraße noch Schmuddelläden und Baugerüste das Bild bestimmen. Es sind nur fünf Gehminuten zur Auguststraße, aber ein langer Weg zum Mitte-Chic.

Dass die Brunnenstraße so hässlich ist, macht gerade ihre Besonderheit aus. Hier ist das Berlin der Neunziger noch präsent, ein schroffes Durcheinander abgerockter Fassaden und Baulücken. „Als wir anfingen, war das hier Niemandsland“, sagt Galerist Sebastian Klemm, der zuletzt eine Produzentengalerie mit programmatischem Namen leitete: „Amerika“. Hier war der wilde Osten, der nur darauf wartete, erschlossen zu werden von jungen Galeristen, denen die Mieten in Restmitte zu teuer gewesen wären.

Inzwischen hat sich die Szene professionalisiert. Und „Amerika“ heißt jetzt „Klemm’s“. Über 20 Galerien haben sich in direkter Nachbarschaft angesiedelt, darunter etablierte Namen wie Goff + Rosenthal aus New York und Römerapotheke aus Zürich. Die Brunnenstraße ist längst zum Label mit internationaler Strahlkraft geworden. Die „New York Times“ hat über sie berichtet, die Kunsthalle Bergen widmete ihr eine Ausstellung.

Dass die Zeit der jungen Wilden dennoch nicht vorüber ist, beweist das aktuelle Projekt von Lisa Bosse. Die 31-jährige Kuratorin kam vor eineinhalb Jahren in die Stadt, nach einem Abschluss im Fach „Curating“ am Londoner Goldsmith’s College. Sie ist mit der Szene in der Brunnenstraße vertraut und weiß, was diese von Galeriemeilen wie der Londoner Vyner Street abhebt: „Hier herrscht noch eine gewisse Neugierde, man hat Lust, etwas gemeinsam zu bewirken.“

Sonst wäre es ihr wohl auch nicht gelungen, 19 Galerien für ein Gemeinschaftsprojekt zu begeistern: In jede von ihnen hat sie eine Arbeit des Künstlers Alexander Bühler hängen lassen – dadaistische Collagen aus Holzstückchen, Kaugummipackungen und Zeichnungen auf Zuckerpapier im einheitlichen A4-Format. „Wie Kuckuckseier“, so Bosse, hängen sie in den Galerien und locken den Besucher die Brunnenstraße rauf und runter. Ein Papierblock im Taschenformat dient als Wegweiser. „Schnitzeljagd“ nennt die Kuratorin ihr Projekt und lädt ein, die Galeriemeile als Erlebnisparcours zu begreifen.

Als frecher Kommentar kontrastieren Bühlers unaufgeregte Arbeiten mit den laufenden Ausstellungen. Dem Buhlen um Aufmerksamkeit setzen sie ein stilles Schmunzeln entgegen. Ob etablierte Marke oder kleine Galerie, vor diesen Bildern sind alle Ausstellungsräume gleich. Zugleich kehren sie die Vielfalt heraus, die in der Brunnenstraße herrscht.

Vom Rosenthaler Platz aus reiht sich im unteren Abschnitt Galerie an Galerie. Manchmal muss man, wie im Fall von Gillian Morris, schon die Klingelschilder studieren, um zwischen Bauzäunen und Mülltonnen den Weg zu finden. Im ersten Stock zeigt die Engländerin Staub-Arbeiten von Jenny Michel. Im Erdgeschoss entpuppt sich, was man von außen für einen Plattenladen hält, als der Schauraum von Goff + Rosenthal. Der Amerikaner Ted Riederer dekonstruiert hier Pop- und Rockmythen. Die ehemaligen Produzentengalerien Klemm’s und Birgit Ostermeier bleiben der Nachwuchskunst aus Leipzig und Dresden treu, Klemm mit Schwerpunkt auf Fotografie, Ostermeier mit Skulpturen. Und dann gibt es nahe der Bernauer Straße noch Peter Hermann, Koryphäe für afrikanische Kunst. Die brachialen Leichen-Plastiken des Kameruner Künstlers Malam rühren ans Existenzielle und setzen einen starken Kontrast zu den jungen, hippen Galerien. „Eventkultur sollen die anderen machen“, sagt Hermann, den der Rummel in der Straße eher belustigt. „Mir ziehen immer alle hinterher“, scherzt er.

Stimmt aber nicht. Martin Mertens und Jan Winkelmann etwa waren schon vorher da. „Jeder will der Erste gewesen sein“, schmunzelt Lisa Bosse, „die wirklich Ersten schweigen.“ Dass ihr Projekt so gut angenommen wurde, hat die Kuratorin selbst überrascht. Es zeigt sich noch einmal der Gruppengeist aus der Anfangszeit, als gemeinsam Anzeigen geschaltet und Postkarten gedruckt wurden. Immer noch teilt man Kontakte und eröffnet zur selben Zeit. So strömten zur Vernissage Anfang Januar hunderte Kunstinteressierte durch 18 Galerien.

Freilich ist nicht unbegrenzt Platz im Boot. „Die Gruppendynamik ist durch die Masse gesprengt worden“, findet Birgit Ostermeier. Der Profilierungsdruck wächst. Zudem ist ein stadtübergreifender Zusammenschluss Berliner Galerien in Planung, der kleinteilige Abgrenzungen wie die zwischen August- und Brunnenstraße aufweichen dürfte. „Die Schnitzeljagd ist vielleicht die letzte Aktion dieser Art“, vermutet Galeristin Desirée Pitrowski, selbst Neuzugang aus Hamburg.

Manchen Pionieren wird es schon jetzt zu eng. Klara Wallner hat große Räume in der Kochstraße eröffnet, Ben Kaufmann am Strausberger Platz. Kleine Galerien folgen den günstigen Mieten in den Wedding, in der Heidestraße kündigt sich der nächste Boom an. Die Stadt hat noch manches Niemandsland zu bieten. Und Lisa Bosse hat angesichts der verlassenen Räume in Tor- und Linienstraße schon neue Ideen: „Wie wäre es mit einem Friedhof der Galerien?“

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