Kultur : Die Karawane zieht weiter

Auftakt der Contemporary-Auktionen in London: ein Rekord für China

Matthias Thibaut

Die Kassandrarufer müssen weiter warten, auch der Herr, der zu Beginn der Sotheby’s-Contemporary-Auktion rief: „Schämt euch, so viel Geld für Nichtigkeiten auszugeben, wenn die Welt auseinanderfällt.“ Auktionator Tobias Meyer, der gerade den Hammer heben und ein Bild von Zhang Xiogang versteigern wollte, antwortete „Die Welt fällt nicht auseinander, nur weil wir die Kunst lieben“ und schlug heftig mit dem Hammer auf das Pult. 264 500 Pfund.

Dann ging es richtig los. Sotheby’s hatte chinesische Kunst an den Anfang gestellt, und gerade als man dachte, das sei jetzt wirklich zu teuer, gewannen die Preise noch einmal spektakulär an Fahrt. Die Bietgefechte waren umso spannender, als zum ersten Mal elegante Chinesen und Chinesinnen persönlich mithielten. Das Rekordlos wurde allerdings ans Telefon verkauft: Yue Minjuns beklemmende Kritik am Massaker auf dem Tiananmen-Platz „Execution“ ist nun mit 4,2 Millionen Euro das teuerste chinesische Contemporary-Werk überhaupt.

Sotheby’s zweiter Star hieß „Garden of Earthly Delights“ von Raqib Shaw und kostete 2,7 Millionen Pfund. Eine kostbare Lackmalerei mit erotischen Motiven nach Art indischer Gouachen. Shaw war vor ein paar Jahren noch auf der Kunstakademie, keine Handvoll Werke wurde von ihm bisher versteigert. Aber die Schätzung von 400 000 bis 600 000 Pfund steigerte die Lust auf das Bild nur noch. Chinesische Kunst, indische Kunst, russische Contemporary Art – man sah die Zukunft des Kunstmarkts noch nie so klar.

Phillips de Pury hatte in seiner neunstündigen Marathonauktion neben der für acht Millionen Pfund an Amerikaner, Europäer und Chinesen versteigerten Chinakunst-Sammlung Howard zum ersten Mal auch eine Privatsammlung zeitgenössischer russischer Kunst. Die Russen drängen sich nicht so sehr um die am höchsten taxierten, politischen Werke wie „Sowjet Kosmos“ von Erik Bulatov. Simon de Pury brachte es nur mit Mühe für 860 000 Pfund an den Mann. Man begeisterte sich für weniger kontroverse Werke. „Soldaten“ etwa von Simon Falbisowitsch verfünffachte die Taxe und brachte 311 200 Pfund. „Die russische Kunst ist erst am Anfang“, prophezeite de Pury, als er schweißgebadet vom Podium stieg.

Die westlichen Hauptlose wurden mit sehr viel weniger Energie beboten. Manche gingen sogar zurück. Der Basquiat bei Sotheby’s (2,8 Millionen Pfund), das Bacon-Gemälde bei Christie’s (8 Millionen Pfund), Jeff Koons bemalter Holzblumenstrauß (1,6 Millionen Pfund) – das waren eher müde Gebote. Bei Phillips gab es zwar eine lange Bietschlacht um Damien Hirsts großes Schmetterlingspanorama (4,7 Millionen Pfund), aber das bei Sotheby’s mit 1,8 Millionen Pfund ausgezeichnete Dotpainting ging zurück.

Auch bei den deutschen Malern sollte man beim nächsten Mal manches etwas niedriger taxieren. Aber die Hausse geht weiter, das sah man bei den exzellenten Auktionen italienischer Kunst oder den Designstars bei Christie’s. Kunst für fast 180 Millionen Pfund wurde in London versteigert – dazu die Millionen, die auf der Frieze und in den Galerieausstellungen umgesetzt wurden. Die Welt ist nicht auseinandergefallen. Matthias Thibaut

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