Kultur : Die Kassetten des Untergrunds

Matthias Ehlert

Noch heute kommen verdiente Veteranen des DDR-Untergrunds ins Schwärmen, wenn sie an die achtziger Jahre denken. Während rundherum das System ins Koma fiel, bildete sich zwischen Berlin und Karl-Marx-Stadt eine unglaublich vitale Musiklandschaft heraus. Im Staat der Ersatzteilbeschaffer bastelte man sich im Wohnzimmer seine eigenen Miniaturszenen auf Weltniveau. Es gab Punk-, Hiphop-, New Wave-, Elektro- und Dubbands, jeder kannte jeden und alle einte die Unmöglichkeit, jemals eine Platte beim Staatslabel „Amiga“ herauszubringen. Stattdessen verlegte man sich auf die in zeitraubender Handarbeit tausendfach kopierte Magnetbandkassette. Die Kassetten wurden nach Konzerten verkauft, zwischen Bands getauscht und in unzensierten Fanzines besprochen. Hunderte dieser akut bandsalatgefährdeten Tonträger haben die Macher des Greifswalder Subkulturmagazins „Zonic“ gesichert und aus den wichtigsten, zwischen 1979 und 1989 entstandenen Aufnahmen nun eine Doppel-CD kompiliert. Sie erscheint unter dem Titel „Spannung, Leistung, Widerstand“ bei ZickZack/Indigo mit einem Begleitbuch beim Verbrecher-Verlag, zur Vorstellung stellt die Volksbühne am Sonnabend ab 20 Uhr ihr gesamtes Haus zur Verfügung. Viele Heroen des Magnetbanduntergrundes haben für das von Peter Wawerzinek, Christoph Tannert und Bert Papenfuß moderierte Klassentreffen der einstigen DDR-Avantgarde ihr Kommen angekündigt. Besonders freuen darf man sich auf „Ornament und Verbrechen“, die wohl ambitioniertesten Sound-Enthusiasten des alten Ost-Berlin, und auf den Soloauftritt von „Flake“ Lorenz, der inzwischen mit Rammstein Weltruhm genießt.

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