Kultur : Die Katastrophe im Elfenbeinturm

ROLAND WERNER

Eine Koproduktion mit der Berliner Staatsoper: Federico Garcia Lorcas "Komödie ohne Titel" in München als Oper uraufgeführtVON ROLAND WERNERDie Welt ist nicht mehr im Lot.Eine umgefallene klassizistische Wand spreizt sich diagonal in den Raum.Auf ihr entblößen säuselnde Nonnen dralle Plastikbrüste, entpuppt sich eine üppige Blonde als Fälschung mit Perücke, streichelt ein tumber Holzfäller in Lederhosen einen Lampion - während die Hauptfigur des Dramas, ein Autor, auf einem Bürostuhl eine Schiene entlang abwärts saust und dem Publikum versichert, daß es an diesem Abend kein Vergnügen geben werde, sondern Wirklichkeit.So kommt es auch: Revolutionäre marschieren auf, ein Fascho-Mann mit Fadenschnurrbart und Pomade-Strähnen macht mit der Pistole tabula rasa, und draußen hallt Kanonendonner. Federico Garcia Lorcas posthum veröffentlichte "Komödie ohne Titel" nahm sich der in Berlin lebende Komponist Jan Müller-Wieland (32) zur Vorlage für seine gleichnamige Oper, die Jakob Peters-Messer jetzt als dritte Uraufführung der Münchener Biennale in der Muffathalle inszenierte.Die Koproduktion mit der Deutschen Staatsoper wird in Berlin in deren Apollo-Saal am 13.September Premiere haben.Lorcas kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs geschriebene "Komödie ohne Titel" ist ein Drama über die Fragwürdigkeit eines hochstilisierten Theaters, das im Elfenbeinturm die Glückseligkeit sucht und nicht mehr in die Gesellschaft hineinwirkt."Elfen" - wie im Sommernachstraum - "gibt es nicht, aber es gibt Lady Macbeth", heißt es darin, und das ist die Richtung, in die das ganze Stück zielt. Doch was bei der Lorca-Lektüre packt, da es bei allem Ernst eine lakonische Leichtigkeit hat, wirkt in Jan Müller-Wielands Oper aufgesetzt.Die Geschichte von einem Theaterabend, der zur Katastrophe mutiert, litt zumindest in München unter schwitzigem Pathos und einem Zeigefinger, der sich immer mehr verkrampft.Dabei hat die Musik von Müller-Wieland für sich genommen ihren Reiz.Akkordeon-Melancholie, Schlagzeug-Wucht und schräge Bläser-Salven fügen sich zu einer sinnlichen Collage, Flamenco- und Bolero-Rhythmen, zumal im Schluß-Furioso, bei dem sechs "Bühnenarbeiter" klatschend das Metrum vorgeben, reißen mit und verkommen nicht zum kitschigen Kolorit.Und die mit sicherem Gespür für Dramaturgie geschriebenen Gesangs-Partien vereinen Lyrik und Dramatik. Doch im Zusammenhang mit der unverblümten Botschaft wirkt das eindimensional.Katastrophenstimmung wird nicht angedeutet, sondern illustriert, wenn Maschinengewehrsalven dröhnen und das Orchester bewährte Dissonanzen-Eruptionen beisteuert.Jakob Peters-Messers Inszenierung (Bühne und Kostüme: Bettina Meyer) bildet platt ab, wirkt wie eine Mischung aus unverdautem Brecht und bemüht-ironisiertem Expressionismus: eine recht altbackene Ästhetik für "neues Musiktheater". Doch viele Lichtblicke im Ensemble: Sten Byriel als Autor meistert die schwierige Bariton-Partie bravourös, und auch die anderen (vor allem Mezzosopranistin Rosemarie Lang, Baß-Buffo Gerd Wolf und Tenor Pär Lindskog) zeigen darstellerisch und stimmlich Format.Das Bundesjugendorchester unter der Leitung des Komponisten spielt plastisch und mit drangvoller Finesse. So wird das auf der schiefen Ebene spielende Drama nicht zur Mühsal fürs Publikum - auch wenn über seiner Konzeption ein eher schiefer Theatersegen hängt.

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