Die Katastrophe in Japan und wir : Dass sich Menschenliebe rege

Unsere Reaktion auf die japanische Katastrophe zeigt: Wir sind selbstbezogen und unfähig zur Anteilnahme.

Klaus Hartung
Warten auf den Super-GAU. Spontane Demonstration am Brandenburger Tor nach der Katastrophe im Akw Fukushima. Foto: snapshot-photography
Warten auf den Super-GAU. Spontane Demonstration am Brandenburger Tor nach der Katastrophe im Akw Fukushima. Foto:...Foto: snapshot-photography

Ohne jeden Zweifel wird die japanische Katastrophe mit ihrer apokalyptischen Trias Erdbeben, Tsunami und Zerstörung des Atomkraftwerks Fukushima eine Zäsur der Weltgeschichte bedeuten. Gleichzeitig scheinen die endzeitlichen Exzesse der Naturgewalten ein Gefühl zu bestärken, wonach wir Europäer uns auf unserem Kontinent sicher fühlen können. Dabei wäre jede klammheimliche Genugtuung verfehlt. Die europäische Geschichte lehrt etwas anderes. Es reicht schon, sich an jüngste Naturkatastrophen wie das Erdbeben von L’Aquila oder an fundierte Voraussagen für einen schweren Ausbruch des Vesuvs nahe der Millionenstadt Neapel zu erinnern. Das Erdbeben von Messina 1908, das von einem verheerenden Tsunami begleitet war, forderte mehr als 110 000 Tote. Als eine historische Zäsur empfanden die Zeitgenossen allemal das Erdbeben von Lissabon zu Allerheiligen 1755, das nicht nur die barocke Weltstadt zertrümmerte, sondern durch eine zwanzig Meter hohe Flutwelle die ganze Küste entlang bis nach Marokko über hunderttausend Menschen tötete.

Das Beben war ein tiefer Einschnitt für die europäische Geistesgeschichte. Es zerbrach den Optimismus der Aufklärung, der sich in Leibniz’ Formel von „der besten aller Welten“ ausdrückte. Lissabon war aber auch der Beginn der Seismologie. Kein Geringerer als der Königsberger Philosoph Immanuel Kant begründete sie in seiner Schrift „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens, welches am Ende des 1755sten Jahres einen großen Teil der Erde erschüttert hat“. In diesem Werk mobilisiert Kant das ganze damalige naturwissenschaftliche Erkenntniswesen, das ihm zur Verfügung stand, um der vulgärtheologischen Deutung entgegenzutreten, wonach die Katastrophe von Lissabon ein Strafgericht Gottes sei. Ihn empörte diese Gefühlstheologie vom Zorn Gottes, die in unserem säkularisierten Zeitalter Bauchgefühl und Betroffenheit wäre. Und er polemisierte immanent, indem er die Anmaßung der Menschen zurückwies, über die Ratschlüsse Gottes Bescheid zu wissen.

Für Kant war der Untergang Lissabons auch eine Herausforderung, das Verhältnis der Menschen zur Natur grundsätzlich zu klären. Die Katastrophe fordere von den Menschen Demut, „dass Sie ihn sehen lässt, er habe kein Recht, von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter bequemliche Folgen zu erwarten“. Sie lehre auch, „dass die Güter der Erde unserem Triebe zur Glückseligkeit keine Genugtuung verschaffen können“. Abgesehen von den ausführlichen naturwissenschaftliche Erklärungen und Hypothesen über das Erdbeben und den Tsunami, ein Phänomen, das Kant als Erster als Folge des Bebens erkannte, formulierte er auch die moralische Botschaft: „Der Anblick so vieler Elenden, als die letztere Katastrophe unter unsern Mitbürgern gemacht hat, soll die Menschenliebe rege machen und uns einen Teil des Unglücks empfinden lassen, welches sie mit solcher Härte betroffen hat. Man verstößt aber gar sehr dawider, wenn man dergleichen Schicksale jederzeit als verhängte Strafgerichte ansieht, die die verheerten Städte um ihrer Übeltaten willen betreffen (...).“

Kant verlangt von den Menschen, die nicht von der Katastrophe betroffen sind, fast ausschließlich eins: dass ihre Menschenliebe sich rege. Dieses die ganze Menschheit betreffende Gefühl hat bei ihm einen hohen Rang. In seinen späteren politischen und moralischen Schriften ist die Fähigkeit der Menschen, Anteil zu nehmen und auch ein Unrecht, das – wo auch immer auf der Erde – passiert, selbst zu empfinden, ein „Geschichtszeichen“, gewissermaßen ein realer Nachweis einer Haltung, der es ermöglicht, an das „Fortschreiten der Menschheit zum Besseren“ und an den „ewigen Frieden“ zu glauben. Verhasst ist ihm daher, jede – so könnte man aus heutiger Sicht sagen – hysterische Gefühlsreaktion und Rechthaberei.

Hat sich bei uns vor allem die Menschenliebe geregt, als wir von dem Erdbeben in Japan erfuhren? Wenn man die Reaktion der Medien und der Politik betrachtet, kommen Zweifel auf. Noch am gleichen Abend, nachdem das Beben und auch der Ausfall der Kühlsysteme des Akw Fukushima bekannt wurden, war die Opposition auf dem Plan und beteuerte, man wolle zwar jetzt nicht innenpolitisch vom Schrecken profitieren, um prompt im Lichte eben dieses Schreckens die Atompolitik der Bundesregierung anzuklagen. Steckte nicht in der Empörung auch viel Genugtuung, dass man recht gehabt hatte? Barg nicht die Furcht vor dem GAU auch so etwas wie eine erwartungsvolle Angstlust am GAU? Obwohl die Experten, die die Medien in ihren Nachrichtensendungen lang und breit zu Wort kommen ließen, entdramatisierten und betonten, dass der größte anzunehmende Unfall zwar möglich sei, aber noch nicht stattgefunden habe, redeten die Moderatoren unverdrossen vom GAU und vom SuperGAU. Damit kein Missverständnis aufkommt: Selbstverständlich ist es richtig, über den sich anbahnenden GAU in Fukushima gründlich zu berichten. Selbstverständlich muss über die Atompolitik hierzulande geredet werden und ebenso selbstverständlich geht es um die Notwendigkeit einer prinzipiellen Revision. Aber doch à la longue! Wiewohl die ersten Bilder der Flutwelle eine noch nie da gewesene Katastrophe erwarten ließen, kreiste das Interesse der Politik und der Medien doch auffällig einseitig um die GAU-Berichterstattung.

Wie extrem die Asymmetrie in der öffentlichen, politischen und medialen Wahrnehmung der japanischen „Elenden“ war, offenbart ein Vergleich mit dem Tsunami von 2004. Damals hatte die Bundesregierung schon nach den ersten grauenvollen Nachrichten einen mehrstelligen Millionenbetrag als Hilfsfond ausgesetzt. Die Fernsehanstalten riefen zu Spenden auf und sendeten die Kontonummern. Über die Spendentätigkeit wurde ständig berichtet und selbstverständlich wurden die aktuellen Bilder der Katastrophe übermittelt. Ganz anders jetzt.

Erst jetzt, ohne viel Schwung, das heißt, eine Woche nach dem Desaster, ruft die Bundeskanzlerin zum Spenden auf. Am Anfang der Woche drängte die Akw-Frage die Berichterstattung über den Tsunami an den Rand. Gesendet wurden altbekannte Bilder, während man bei CNN und BBC immer neue Nachrichten über die Flutfolgen sehen konnte. Sie zeigten, dass ein Lebensraum zertrümmert wurde; und das ist doch wohl die alles überlagernde, auch die Tatkraft einer disziplinierten Nation übersteigende Katastrophe, zu der nun noch der GAU hinzukommt. Es war so, als ob die deutschen Medien gar nicht so sehr das Unglück erfassen wollten, obwohl deutlich war, dass nur ein Bruchteil der Katastrophe überhaupt bekannt geworden war. Es ist wohl doch der erste Akt der Teilhabe und Menschenliebe, dass man nicht wegsieht, vielmehr alles zu begreifen sucht, was geschieht?

Aber die Medien und Fernsehnachrichten konzentrierten sich vehement auf die Frage, ob uns in Deutschland auch ein Fall-out drohe. Ein Experte nach dem anderen wurde zum Interview gebeten, immer wieder, mehrere Tage lang. Sie betonten zwar immer, dass Deutschland nicht bedroht sei, konnten aber nicht verhindern, dass in der nächsten Nachrichtensendung erneut ein Experte befragt wurde. Vermutlich waren die Leute, die da permanent und aufdringlich beruhigt wurden, anfangs gar nicht beunruhigt und ihre Unruhe wuchs mit dem ständigen Refrain der Beunruhigung. War das etwa Menschenliebe, die sich da regte? War es nicht viel mehr die Selbstliebe? Den Vogel schoss dann die Sendung „Hart aber fair“ ab. Da fragte der Moderator die Moderatorin der anschließenden Tagesthemen, wie sie die ganzen Nachrichten aushalte und wie sehr sie betroffen sei? Was hätte Kant zu diesem selbstreferenziellen Betroffenheitsjournalismus wohl gesagt?

Nein, Menschenliebe und Teilhabe am Unglück des anderen drückt sich anders aus. Konsequenterweise taten sich die deutschen Medien schwer, das Menschliche im japanischen Elend zu sehen. Die Gefasstheit und Disziplin der Japaner irritierte, und schon wurden die Psychologen herbeigerufen, um sich über traumatische Reaktionen auszulassen. Jedes Ereignis im Akw Fukushima interessierte, nur nicht jene 50 Arbeiter, die unter extremster Lebensgefahr das Unglück bekämpften. Auch hier musste man CNN einschalten, das alles berichtete, was es an Informationen über die „Helden von Fukushima“ gibt. Da erfährt man, dass die Arbeiter sich freiwillig gemeldet haben und selbst ein Arbeiter, der unmittelbar vor seiner Pensionierung stand, bereit ist, sich zu opfern.

Kant fordert angesichts eines so großen Unglücks, dass das malum naturale nicht durch ein malum morale verstärkt werden darf. Für ihn hieß das, dass bei einer solchen Katastrophe die Mächtigen mit dem Kriegführen innehalten sollten. Dass er dabei an Friedrich II. dachte, verstanden die Zeitgenossen. Dass das japanische malum naturale das libysche malum morale in den Hintergrund gedrängt hatte, war offenbar. Es geschah ein Massaker, und die Politik des anklagenden Voyeurismus durch die Bundesregierung wurde nur deshalb nicht zum Thema, weil wir uns unserer Betroffenheit hingaben. Im Banne unserer Betroffenheit und unserer GAU-Erwartung spüren wir, die wir so viel erspüren, gar nicht, was wir an Menschlichkeit verloren haben.

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