Kultur : Die Kernspaltung in mir Mayako Kube gedenkt musikalisch des Tsunami

Nantke Garrelts
Foto: Ouwerkerk/promo
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Wie vertont man Meeresstille? Vielleicht mit einem Cello und einem Kontrabass, die beide erst leise zittern und dann durch tiefes Grummeln die Gefahr erahnen lassen. Dazu ein Sopran, der wehmütig die „Meeresstille“ im Raum anschwellen lässt. Doch nicht alles ist ruhig: „Die Herzen der Leidtragenden beben weiter“, heißt es in der nächsten Zeile. Ein Blitz aus Schmerz durchbricht den Gesang, die Geigen kreischen kurz, fallen dann in langgezogenes Klagen. Regen setzt ein. „Pling, pling, pling“, fallen Tropfen auf die Erde. „Wiederkehrende Gedanken unterm Regenschirm“ singt die Solistin Yuka Yanagihara immer wieder, keinen Ausweg gibt es aus dieser abgeschlossenen Gedankenwelt, aus dem Leiden, der Trauer, der Lähmung nach dem Tsunami.

Die Musiker des Young Asian Chamber Orchestra (YACOB) arbeiten konzentriert bei den Proben im Saal des Chinesischen Kulturzentrums. Es ist der zweite von drei Probentagen. Dirigentin Ya-ou Xie gibt Anweisungen auf deutsch, dann setzt die Meeresstille ein.

„Die Japaner sind immer noch sprachlos“, sagt Mayako Kubo, die Komponistin der „Sanriku-Lieder“. Seit fast 40 Jahren lebt die 64-Jährige in Europa, doch als sie von dem verheerenden Tsunami an der Sanriku-Küste hörte, waren ihre Gedanken sofort in Japan: „Es war das erste Mal, dass ich fühlte: Ich muss etwas machen, das mit Japan zu tun hat.“ Ende März las sie das erst eine Woche alte Gedicht „Nachbeben“, in dem die japanische Dichterin Meiko Matsudaira die physische und emotionale Zerrissenheit des Landes aus einer sehr persönlichen Perspektive schildert. Aus drei Strophen dieses Gedichts komponierte Kubo innerhalb eines Monats die „Sanriku-Lieder“, die nun neben klassischer europäischer und asiatischer Musik in einem Benefizkonzert für die Erdbebenopfer am heutigen Dienstag uraufgeführt werden. Vor der japanischen Botschaft zu demonstrieren erschien ihnen „lächerlich“, so Kubo. Lieber wollen die Mitglieder des YACOB ihrer Betroffenheit durch die Musik Ausdruck verleihen, im besten Fall Denkanstöße geben.

Kubo spricht von einer „Nationaldepression“, die Japan ergriffen hat. Erst ein Fünftel der Trümmermassen sind weggeräumt, die Nation der effektiven Technokraten weiß nicht weiter. „Aber langsam, sehr langsam gibt es einen Aha-Effekt, ein Umdenken.“ Die Vertonung von „Nachbeben“ ist Kubos Beitrag, die „Meeresstille“ zu durchbrechen. Nantke Garrelts

Chinesisches Kulturzentrum, Klingelhöferstr. 21, Tiergarten. Am Dienstag finden Konzerte ab 17 sowie ab 19 Uhr statt. Kubos Stück wird im zweiten Teil uraufgeführt.

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