"Die Kieferninseln" von Marion Poschmann : Göttliche Manifestation

Klug, poetisch, komisch - und zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises: Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“.

Eine der wenigen Doppelbegabungen in der deutschsprachigen Literatur. Die Lyrikerin und Prosaautorin Marion Poschmann.
Eine der wenigen Doppelbegabungen in der deutschsprachigen Literatur. Die Lyrikerin und Prosaautorin Marion Poschmann.Foto: imago

Schon im Flugzeug formuliert sich in Gilbert Silvester eine Erkenntnis, die als ein Leitmotto von Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“ gelten könnte: Es entspreche, so denkt sich Gilbert, dem regelhaften Verlauf, „dass das Interesse an den Einzelheiten wuchs, je mehr man sich in ein Gesamtsystem vertiefte. In der Fahrschule hatte er sich für Verkehrsregeln begeistert, in der Tanzschule für Schrittfolgen.“

Das Gesamtsystem, in das Gilbert sich nun hineinvertiefen muss, stellt eine weitaus größere Anforderung dar: Gilbert ist auf dem Weg nach Japan, unterwegs in eine Kultur, in der er sich nicht nur nicht auskennt, sondern die ihn darüber hinaus zunächst auch nicht im Geringsten interessiert. Was will er dann überhaupt dort?

Marion Poschmann ist eine der wenigen Doppelbegabungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Lyrik und Prosa; für beides wurde sie zu Recht gefeiert und mit Preisen bedacht. Was an anderen Stellen wie eine unbeholfene Rezensentenfloskel klingt, trifft auf Poschmann ohne Einschränkung zu: Dass sie die Poesie ihres Stils, die Originalität ihrer Weltbetrachtungsperspektive und ihre Fähigkeit, der Uneindeutigkeit eine Sprache zu verleihen, ohne dass sie ins Unverbindliche abgleitet, mit großer Leichtigkeit auch in die Prosa hinübergerettet hat. Hinzu kommt, dass Marion Poschmann ein feines Gespür für Komik hat. All das verbindet sich in „Die Kieferninseln“ zu einer schmalen, abgründigen und lehrreichen Geschichte, die zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht.

Poschmann karikiert die Japan-Klischees

Die Komik, die eine leicht surreale Note hat, manifestiert sich bereits in der Ausgangssituation des Romans und in seiner Hauptfigur selbst: Gilbert Silvester ist Privatdozent an einer deutschen Universität. Seine akademische Karriere sieht er als gescheitert an; für eine Professur hat es nie gereicht. Sein aktuelles Projekt ist eine mit Drittmitteln geförderte kulturwissenschaftliche Untersuchung über die Bedeutung und Funktion von Bärten; ein Motiv, das sich durch den Roman ziehen wird. Gilbert träumt eines Nachts, seine Frau Mathilda hätte ihn betrogen. Als er sie daraufhin zur Rede stellt und sie die Stirn hat, den Vorwurf abzustreiten, fährt Gilbert zum Flughafen, bucht den erstbesten verfügbaren Flug – und findet sich in Tokio wieder.

Dieser Held ist kein Sympathieträger. Vor allem aber ist er, der überzeugte Rationalist mit kulturellem Dünkel, in der ihm fernsten aller Welten angekommen. Auch aus dem Zusammenprall von Nichtverstehen und Überlegenheitsgefühl bezieht der Roman seine Komik. Marion Poschmann gelingt etwas Außergewöhnliches: Sie stellt die westlichen Japan-Klischees – Tee, Samurai, Sushi etcetera – gnadenlos aus, karikiert sie auf diese Weise und zieht dennoch gleichzeitig originelles poetisches Potenzial daraus.

Zu den Klischeebildern gehört auch jener Mann, der sehr bald zu Gilberts Begleiter werden soll: Yosa Tamagotchi (allein der Name!), ein junger, vom Prüfungsdruck überforderter Mann, will sich in einer U-Bahn-Station das Leben nehmen, wird von Gilbert eher zufällig gerettet und fungiert von nun an als eine Art schweigsamer Ziehsohn, als Universaljapaner und Leerstelle zugleich. Man bleibt sich unvertraut, aber man hat ein gemeinsames Ziel. Durch Zufall – der spielt in diesem Buch ohnehin eine gewichtige Rolle, wie überhaupt Poschmann der rätselhaften Logik des Traums zu folgen scheint – ist Gilbert ein Band des Dichters Basho in die Hände gefallen. Basho, ein buddhistischer Mönch, Dichter und Meister der Meditation, unternahm Mitte des 17. Jahrhunderts ausgedehnte Wanderungen durch das Land – unter anderem nach Matsushima, zu den berühmten, mit japanischen Kiefern bewachsenen Inseln; einem Ort, wie es heißt, der göttlichen Manifestation.

Diesen Roman zu lesen ist ein großes Vergnügen

Dorthin, den Band mit Haikus im Gepäck, den todessehnsüchtigen Yosa Tamagotchi im Schlepptau, zieht es auch Gilbert Silvester. Und nein, keinesfalls ist „Die Kieferninseln“ die bloße Darstellung einer bildungsbürgerlichen Reise, an deren Ende eine Bekehrung zum richtigen Leben steht. Poschmann ist subtiler und vor allem nicht doktrinär. Es ist ein ständiges Flackern zwischen poetischer Erleuchtung und Enttäuschungserfahrungen in der Profanität der hellen, sauberen Gegenwart, das hier zu spüren ist.

Poschmann erzählt in der dritten Person. Sie schaut ihrem Protagonisten neugierig über die Schulter und beobachtet, wie wiederum er beginnt, neu zu sehen, anders zu sehen. In den Briefen an seine Frau (die ihm seinen Aufenthaltsort nicht glaubt) lässt sich eine Abwendung von der sichtbaren, haptischen Welt beobachten. Mitzulesen, wie unpathetisch und elegant dieser Mentalitätsumschwung inszeniert und zugleich offen gehalten wird, ist ein großes Vergnügen.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 168 Seiten, 20 €.

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