Kultur : Die Kinder von Mitte

Sandra Luzina

Kunst und Leben gehen manchmal eine fruchtbare Verbindung ein: "Wenn Theater geboren werden..." Mit dieser hoffnungsfrohen Formulierung wurden die Sophiensäle einst von Jochen Sandig eingeführt. Der war nämlich gerade Vater geworden, sein Sohn kam in den Sophiensälen zur Welt. Mit seiner Lebensgefährtin Sasha Waltz und den Regisseuren Jo Fabian und Dirk Cieslak hatte er zudem ein Projekt aus der Taufe gehoben, in das ebenfalls viel Liebe investiert worden war. Heute ist Lászlo fünf, und auch die Sophiensäle feiern Geburtstag.

Grund zu feiern gibt es allemal. Die Spielstätte in der damals eher verschlafenen Sophienstraße stand von Anfang an unter einem guten Stern. Termingerecht wurde jüngst auch das Gutachten zur Beurteilung der Berliner Privattheater fertig. Darin wird eine vierjährige Konzeptförderung in Höhe von 1,4 Millionen Mark für die Sophiensäle empfohlen - womit sie die großen Gewinner der Förder-Lotterie wären.

Ohnehin sind die Sophiensäle längst zur ersten Berliner Adresse für freies Theater avanciert. In der Theaterstadt gelang hier eine beispiellose Erfolgsstory. Die Leistungsbilanz kann sich sehen lassen. 5 Jahre Sophiensäle bedeuten: 214 Produktionen, über 100 Gruppen aus vier Kontinenten, 1159 Vorstellungen, etwa 100 000 Zuschauer. Und null Festangestellte!

Geschäftsführerin Amelie Deuflhard freut sich über die Anerkennung von seiten der Gutachter: "Wir haben die Sophiensäle zu einem viel beachteten Ort gemacht, aber wir haben immer am Rande des Bankrotts gearbeitet." Von Selbstausbeutung redet sie nur beiläufig. In den Klagechor der Off-Hungerkünstler haben die Betreiber nie eingestimmt und stattdessen selbstbewusst moderne Produktionstrukturen aufgebaut. Mit der Konzeptförderung könnte das Haus erstmals über einen Produktionsetat verfügen: "Dann würden wir endlich zum gleichwertigen Partner in unserem Netzwerk aus koproduzierenden Theatern."

Bislang fließt vor allem Manpower in die Projekte. In den vergangenen Jahren ist es immer wieder gelungen, innovatives Potenzial zu entdecken, unbekannte Künstler aufzubauen. Die Sophiensäle - ein Haus der jungen Talente. Zu den Hauskünstlern zählen heute Dirk Cieslak und Lubricat, Nico & the Navigators, Ivan Stanev, Constanza Macras und Christian von Borries, der für 19 Mal "Musikmissbrauch" verantwortlich zeichnet. Daneben ist eine wachsende Künstlerschar dem Haus verbunden. Wobei die Nähe zu den Künstlern von Anfang an groß war und immer noch ist.

Auch die Jungregisseure, die von den großen Bühnen abgeworben wurden, halten dem Haus die Treue. So ist es gelungen, ein künstlerisch anregendes und menschlich fruchtbares Klima zu schaffen. Weil das Geld fehlte, entwickelten die Theater-Enthusiasten eine immense Kreativität, um Unmögliches möglich zu machen. Unorthoxe Lösungen - auch hinter der Bühne: "Selbst für unkonventionelles Schlafen sind wir die Experten," erläutert Amelie Deuflhard. Die 20 Mitwirkenden der ungarischen Gruppe Mozgó Hász, die 1997 mit den "Beckett-Songs" eingeladen wurden, schliefen auf Matratzen im Ballettsaal - und erinnern sich heute noch gern an das Jugendherbergs-Ambiente. Auch knapp 100 Journalisten haben hier geschlafen: Holger Friedrich verwandelte den Festsaal in ein Dormitorium: ein Angebot, das vor allem von der Presse genutzt wurde. Und eine Szenekneipe wurde ebenfalls originalgetreu nachgebaut. "Kumpelnest 3000" von Ivan Stanev holte Berliner Nachtgestalten auf die Bühne; die Bauten wurden von einem Sozialprojekt für schwierige Jugendliche realisiert. "Solche Projekte hinterlassen einen nachhaltigen Klang in der Stadt," weiß Amelie Deuflhard. Und locken ein vorwiegend junges Publikum in die Sophiensäle. Das bleibt gern noch auf einen Drink nach der Vorstellung.

Nach fünf Jahren Aufbauarbeit blickt man in der Sophienstraße freudig in die Zukunft. Die heutige Geburtstagsfeier hat übrigens Constanza Macras arrangiert, die sich mit ihren "Dolce-Vita"-Projekten als Spezialistin für Künstler-Party-Events ausgewiesen hat. 5 Jahre Sophiensäle - die Reifeprüfung haben die Kinder von Mitte nun abgelegt.

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