Kultur : Die Kinderbuchautorin Grit Poppes verführt zum Lesen

Stephanie von Selchow

Grit Poppe, deren 1998 erschienener Debütroman "Andere Umstände" von der Kritik vor allem wegen seiner dichten Atmosphäre, seiner Skurrilität und seinem rabenschwarzen Humor gelobt wurde, erweist sich jetzt in ihrem ersten Kinderbuch, dem vierhundert Seiten starken Fantasyroman "Alabusch oder das Herz des Vulkans", auch als Meisterin sprachlicher Bilder, die nicht nur poetisch, originell und oft auch komisch sind, sondern auch so sinnlich, dass Kinder sie unmittelbar verstehen können. Ganze Bildwelten hat Grit Poppe für "Ala-busch" entworfen. Angefangen beim schaurig-düsteren Moor, in das der Vampir Ala-busch die freche kleine Mira entführt, über die Kleinstadt Translingen, die durch die merkwürdige blaue Krankheit entvölkert wird, bis hin zum riesigen blauen Reich der fiesen Serafisa, die sich der Erinnerungen, Ideen und Geschichten der Menschen bemächtigt, um ihr Imperium aufzubauen.

Die Atmosphäre des Romans ist sehr stimmungsvoll und dicht. Melancholisch bis schaurig, märchenhaft oder traumhaft - verwunschen, bis der immer wieder plötzlich aufblitzende Humor eine allzu düstere Stimmung bricht.

Mit Alabusch und Mira hat Grit Poppe zwei äußerst gegensätzliche Charaktere geschaffen, die sich aber gut ergänzen: Alabusch, den nachdenklichen Vampir mit Herz, der damit zu kämpfen hat, dass er weder tot noch lebendig ist und Mira, neun Jahre alt, rotzfrech, rebellisch, unverwüstlich angstfrei und von entwaffnendem Charme. Ihr gelingt es nicht nur, den "Untoten", der einmal ihr Bruder war, auf ihre Seite - die Seite des Lebens - zu ziehen, sondern gemeinsam mit ihm und seiner Zauberkraft schafft sie es auch, Serafisas Reich auffliegen zu lassen. Und doch wird in dieser klugen Fantasy auch differenziert: "Auch das Gute hat seine Schattenseiten" heißt es einmal wörtlich, "und sogar im Bösen gibt es noch Lichtblicke". Märchenton mischt sich mit Spukgeschichte, Science-Fiction mit Abenteuerroman, starke-Mädchen-Erzählung mit einem Hauch von "Unendlicher Geschichte", "Schneekönigin", Tolkiens "Kleinem Hobbit" und Farbmagie. Trotz der vielen Anklänge an die unterschiedlichsten Genres und Vorbilder entsteht eine ganz eigene Welt. Nur manchmal, vor allem gegen Ende, wünscht man sich Straffung.

Grit Poppes bildmächtiger Roman bietet ein Arsenal gegen die vorgefertigten Bilder, die uns aus Film, Fernsehen und Computer entgegenströmen. Sie hat die Fernseh-Unkultur ins Reich der nach herben Zitronen duftenden fiesen Serafisa überhöht. Via Fernsehgerät saugt sie ihren Opfern ihre ureigenen Geschichten und Erinnerungen ab, bis sie von der blauen Krankheit befallen werden und schließlich blutleer, blau und willenlos in ihrem blauen Reich dahinvegetieren müssen.

"Alabusch" ist aber keine Verteuflung von Fernsehbildern, sondern, wenn man so will, eine Verführung zum Lesen, eine Fantasie- und Stimmungs-Kanone.Grit Poppe: Alabusch oder das Herz des Vulkans. Illustrationen von Aljoscha Blau. Altberliner Verlag, Berlin, München 1999. 378 Seiten. 26,80 DM.

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