Kultur : Die Kirche im Dorf lassen

Neue Bürotürme gefährden das Kölner Dom-Panorama. Die Unesco droht mit Sanktionen

Bernhard Schulz

Freud und Leid liegen auch hier eng beieinander. Zunächst empfahl die im chinesischen Suzhou tagende Unesco-Welterbekommission, gleich drei deutschen Anträgen zur Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste zu entsprechen. Dann aber kam es knüppeldicke: Den Kölner Dom, seit 1996 anerkannt, setzte die Kommission Anfang der Woche auf die „Rote Liste“ des gefährdeten Weltkulturerbes. Da finden sich bislang nur Stätten aus Afghanistan oder Benin – während für das bislang als gefährdet eingestufte kambodschanische Angkor Wat bei derselben Sitzung Entwarnung gegeben wurde.

Die Schockwelle, die seither durch die Republik wogt, ist gewaltig. Die Kölner Lokalpolitik hat sie vollständig überrollt. Anscheinend werden sich Oberbürgermeister Fritz Schramma und seine schwarz- grüne Rathauskoalition erst allmählich bewusst, welche Bedeutung das Prädikat „Weltkulturerbe“ besitzt – und welche Bedeutung, es zu verspielen. Die Deutsche Unesco-Kommission hat den Eintrag gestern jedenfalls bedauert und appellierte an die Bund, Land und Kommune, dafür zu sorgen, „dass der Dom wieder aus der Roten Liste gestrichen wird“.

Anlass des Warnschusses – mehr ist es nicht, kann doch die Gefährdungswarnung bei eingetretener Besserung wieder aufgehoben werden – ist die Kölner Stadtplanung, die auf der rechtsrheinischen, dem Dom gegenüberliegenden Rheinseite eine massive Hochhausbebauung vorsieht. Die Dominanz des bis zur Spitze seiner Zwillingstürme 157 Meter messenden Domes würde damit tangiert. Nicht mehr die gotische Kathedrale würde das Kölner Panorama beherrschen, sondern eine Mixtur mit banalen Bürotürmen, wie sie in aller Welt aus dem Boden wachsen. Im Fernblick aus allen Himmelsrichtungen würden die Domtürme in Konkurrenz zu den mit geplanten 120 Metern nur unwesentlich niedrigeren Bürohäusern treten. Die „visuelle Integrität des Doms und der einzigartigen Kölner Stadtsilhouette“ sei gefährdet, befand die Kommission kühl.

„Es kann nicht sein, dass eine Stadt, weil sie einen Dom hat, sich nicht weiterentwickeln darf!“, protestierte Schramma gleich am Montag. Si tacuisses, möchte man da dem früheren Gymnasiallehrer für Latein zurufen. Köln hat nicht „einen“, sondern den Dom: das Nationaldenkmal der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert, als das er 1842 auf Betreiben des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. nach jahrhundertelangem Stillstand weitergebaut und 1880 vollendet wurde.

Wie immer sich auch die architekturhistorische Wertigkeit des 1248 begonnenen, in französischer Hochgotik aufgeführten Domes mit seiner rheinisch-preußisch und katholisch-protestantisch vermengten nationalgeschichtlichen Rolle überlagern mögen – und an Schmähungen dieses vermeintlichen Fanals finsterster Reaktion hat es seit Heinrich Heine gleichfalls nicht gemangelt: Die Bedeutung dieses steinernen Zeugnisses von 750 Jahren kölnisch-rheinisch-deutscher Kunst und Geschichte steht außer Frage. „Für dieses Herzstück der Stadt würden die Kölner ihr letztes Hemd geben“, jammerte der OB zwar, vergaß aber zu verraten, ob zumindest die wackeren Stadtväter neben dem letzten Hemd auch ihre Hochhauspläne zu opfern bereit wären.

Die Stadt steckt in einer Zwickmühle. Im Konkurrenzkampf der Kommunen um lukrative Gewerbeansiedlungen setzt sie auf das rechtsrheinische Deutzer Ufer, wo der früher verschlafene Bahnhof durch den Neubau der rechtsrheinischen ICE-Hochgeschwindigkeitstrassen zum Bahnknoten heranwächst. Nebenan liegt das demnächst für mehrere 100 Millionen Euro zu erweiternde Messegelände. Besser – so die Hoffnung der Investoren – ließen sich Bürotürme kaum vermarkten. Für den ersten, neudeutsch „Cologne One Tower“ benannt und jetzt auf 103 Meter leicht reduziert, hat Helmut Jahn aus Chicago den Entwurf geliefert.

An Warnungen hatte es nicht gefehlt. Bereits im vergangenen Dezember äußerte der Internationale Rat für Denkmalpflege, der die 21-köpfige Welterbekommission berät, Kritik an den Kölner Plänen. Auf Antrag von Icomos und seinem deutschen Präsidenten Michael Petzet machte dis Gremium nun Ernst. Im Falle von Potsdam – das mit seinen Schlössern und Gärten entlang der Havel auf der Welterbeliste prangt – hatte es schon einmal eine solche Zuspitzung gegeben, als die Stadt am Glienicker Horn munter drauflos bauen ließ. Erst die Drohung mit der Roten Liste und ein Besuch der Kommission führten 1995 zur Einigung.

30 deutsche Stätten sind mittlerweile auf der Liste verzeichnet. Einen unmittelbaren Nutzen gibt es nicht; für Pflege und Erhaltung eines Denkmals muss das betreffende Land selbst aufkommen. Doch der immaterielle Nutzen ist groß und spielt im Tourismus eine zunehmende Rolle. Die Inflation der Auszeichnung als Welterbe – seit der Sitzung in Suzhou sind 788 Stätten aus 134 Ländern verzeichnet – führte indessen schon vor Jahren zum Wunsch nach Selbstbeschränkung und zur stärkeren Hinwendung auf Drittwelt-Länder, in denen Idee und Praxis der Denkmalpflege der Ermutigung durch internationale Anerkennung dringend bedürfen. Was den Wettlauf deutscher Kommunen zur Welterbeliste angeht – seit 1990 fanden 20 Anträge Zustimmung –, drängt sich der Eindruck auf, es ginge allein um die werbeträchtige Plakette. Aber ohne darin eine entsprechende Verpflichtung zu erkennen.

Der nächste Krisenfall ist bereits vorprogrammiert: Die soeben promovierte Kulturlandschaft des Dresdner Elbtales wird durch den Plan einer vierspurigen Straßenbrücke in Sichtweite des Dresdner Elbpanoramas bedroht. Der berühmte „Canaletto-Blick“ auf Residenzschloss, Zwinger und Frauenkirche würde künftig eine Schnellstraße einschließen müssen. Dresdens Stadtväter schmettern jede Kritik ab. Wie in Köln.

Dort plante nach dem Krieg, der den Dom wunderbarerweise hatte stehen lassen, Rudolf Schwarz den Wiederaufbau. „Eine Stadt soll in ihrer Mitte am kostbarsten sein“, lautete seine Richtschnur für die Innenstadt. Was der katholische Kirchenbaumeister damit insgesamt meinte, mag man heute nicht mehr teilen; den planerischen Respekt vor dem Dom aber hielt Köln stets in Ehren.

Alles nur Vergangenheit? Hoffentlich haben die Unesco-Kommissionäre nicht gelesen, was „Turmvater“ Jahn im vergangenen November zur Dom-Problematik äußerte: „Was mich an dem Projekt reizt, ist eben die Nähe zum Dom, die fast axiale Beziehung zum Dom.“ Diese „Zwiesprache“ hätte sein Gebäude „an anderen Standorten nicht erreicht“.

Da graut es einem dann doch vor der rheinischen Unbekümmertheit. Was Köln jetzt braucht, ist Kirchturmpolitik – zur Freihaltung der Domkirchentürme.

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