Kultur : Die Klage des Kauzes

The National in der Max-Schmeling-Halle.

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Vor etwa einem halben Jahr standen The National noch auf einer kleinen Bühne im Innenhof des Michelberger Hotels an der Warschauer Straße und spielten die Songs ihres aktuellen Albums „Trouble Will Find Me“ zum ersten Mal live. Vielleicht hundert Leute waren dabei, als sich Matt Berninger, dieser seltsame Kauz, der mit seiner Brille, dem schütteren Haar und dem Anzug aussieht wie eine Mischung aus Soziologieprofessor und betrunkenem Ornithologen, durch sein Werk und die Kälte des Berliner Frühlings brummte.

Wo er damals mehr als einmal ins Stolpern geriet, hat die seitdem andauernde Welttournee Wirkung gezeigt: In der Berliner Max-Schmeling-Halle ist die Band perfekt aufeinander eingespielt, was nicht im Entferntesten bedeutet, dass da Langeweile herrscht. Ja, die neuen Songs mögen noch einmal zugänglicher sein als ältere Großtaten wie „Mistaken For Strangers“, „Squalor Victoria“ oder „Secret Meeting“. Man ist mittlerweile angekommen in den großen Arenen dieser Welt, irgendwo zwischen Arcade Fire, R.E.M. und U2. Aber The National scheinen eher lauter geworden zu sein. Berninger brüllt immer wieder ins Hallenrund, die Zwillinge Bryce und Aaron Dessner zersägen dazu mit ihren Gitarren die Luft. Die üblichen Spielereien bei einem Konzert dieser Größe fehlen. Die, die man von The National kennt, keinesfalls. Gegen Ende springt Berninger ins Publikum, während er singt wohlgemerkt. Fast bis ganz hinten läuft er, verwunderlich, dass es überhaupt so lange Mikrofonkabel gibt.

Der Höhepunkt ist schwer auszumachen. Vielleicht „I Should Live In Salt“, dieser wunderbar erwachsene Klagesong, der die zwei Konzertstunden einläutete. Vielleicht auch „Fake Empire“, die schläfrige Hymne über das richtige Leben im falschen. Einziges Manko: Das Publikum ist dann doch nicht mehr so euphorisch, so textsicher wie früher und beschäftigt sich vor allem mit seinen Smartphones. Aber das ist vermutlich schlicht der Preis einer so großen Halle. Jochen Overbeck

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