Kultur : Die klare Debatte

VOLKER STRAEBEL

"Wenn ich vom Hören höre!", sagt der Komponist Adrian Leverkühn in Thomas Manns "Doktor Faustus"."Nach meiner Meinung genügt es völlig, wenn etwas einmal gehört worden ist, nämlich, als der Komponist es erdachte.Als ob die Leute je hörten, was da gehört worden ist."

Derartige vorgeblich elitäre musikästhetische Positionen sind heute unpopulär, weil sie auf jene Aspekte des musikalischen Werkes fokussieren, die dem bloßen Hören verschlossen bleiben.Die mühevolle Arbeit, die die der Kunst angemessene Rezeption bedeutet, wird nicht nur gern gemieden, ja sie wird oft rundweg geleugnet, etwa in der Haltung, ein Kunstwerk müsse aus sich selbst heraus eine bestimmte, bevorzugt emotionale Wirkung zeitigen, die einen verstehend nachvollziehenden Umgang mit der Kunst eigentlich überflüssig mache.

Solch bequemer Konsumentenhaltung widersprach der Komponist Nicolaus A.Huber in seinem Portrait-Konzert mit größter Selbstverständlichkeit."Evolution of our Ear" heißt die Reihe, in der Akademie-Mitglieder Konzerte aus eigenen und fremden Werken zusammenstellen, selbst moderieren und so einen Blick auf die unterschiedlichen ästhetischen Positionen der Sektion Musik gewähren.In seiner Einführung forderte Huber, die Differenz zwischen musikalischem Objekt und rezipierendem Subjekt nicht zu verwischen, die Musik also nicht, wie oft geschehen, ganz im wahrnehmenden Subjekt zu verorten.Seine Hinweise zu den von ihm ausgewählten Werken waren dann auch zumeist analytischer Natur, bezogen sich etwa auf die Netz-Theorie, die Xenakis seinem ungewöhnlich bunt-kontrastreichen "Thalleïn" (1984) zugrunde legte, oder auf die Bewegungsassoziation, von der Charles Ives in seinen "Tone Roads No.3" (1915) ausging.

Die MusikFabrik Nordrhein-Westfalen leistete unter der souveränen Leitung von Diego Masson Großartiges und verhalf den Werken, ebenso wie den kleineren Besetzungen von Crawford, Mainka und Bouliane, auch zu jener Expressivität, die Huber wenn schon nicht leugnete, so doch verschwieg.Dabei leben seine eigenen Kompositionen - zur Aufführung gelangten "Air mit Sphinxes" (1987) und "An Hölderlins Umnachtung" (1992) - gerade aus der Spannung zwischen klanglich ausdifferenzierter Expression und intellektueller Konstruktion.Für seine Lust am geistreichen Spiel steht etwa die Anweisung, einer der Perkussionisten solle auf dem Trommelfell eine Zeichnung kopieren, die Hölderlin im Turm zeigt.Eine Ohrfeige der Gefühlsduselei!

Zwei Tage zuvor hatte Gerald Hummel an gleicher Stelle eine Lanze für den musikalischen Ausdruck zu brechen versucht.Dem vorzüglichen Modern Art Sextett stellte er ein Programm aus angeblich narrativer Musik zusammen, das jedoch mit Thierry Blondeaus "Ein und Aus" (1996) auch ein kühl prozessuales Werk enthielt.Sollte da die Interpretation die Musik machen? Rainer Rubberts "Suburban Chants" (1996) überzeugten als aus Wiederholungen und Varianten kohärent gefügte Klangstücke, wo hingegen Hummels eigenes Konzert für Bratsche (Henrik Schaefer) und Ensemble (1997) dem Fortspinnungstypus mit zu großer Redseeligkeit huldigte.Ausdruck ist kein Tabu, aber auch keine Entschuldigung.

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