Kultur : Die Klassik-Böller

Neujahrskonzerte in Wien, Berlin und anderswo

Clemens Prokop

Mit manchen guten Vorsätzen kann man nicht früh genug anfangen. Wer sich vorgenommen hat, endlich einmal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker live zu erleben, darf nicht trödeln: Bereits von 2. bis 23. Januar muss sich beworben haben, wer bei der Kartenverlosung für den folgenden Jahreswechsel sein Glück versuchen möchte.

Für Silvester oder Neujahr im Wiener Musikvereins-Saal Karten zu ergattern, ist ungefähr so aussichtslos, wie auf Bayreuth-Tickets zu spekulieren. Wer es dennoch probiert, kann aus Kategorien von 20 bis 680 Euro wählen. Fast ein Schnäppchen: Denn sobald sich Karten zu Ebay verirren, wird der Preis vierstellig. Garantiert.

Jeder Blasverein veranstaltet mittlerweile sein Neujahrskonzert. Und kein Orchester lässt sich die Gelegenheit entgehen, Eintrittskarten zu Festtagspreisen zu verkaufen. „Die Silvesterkonzerte sind immer als Erste ausverkauft“, weiß nicht nur Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie: „Warum sollen sich die Leute auch kein schönes Konzert gönnen?“

Zu Silvester und Neujahr kommt ein besonderes Publikum – eines, das sich bewusst etwas gönnt. Das sich fein anzieht und festliche Stimmung erwartet. Deshalb haben die Orchesterchefs Anwesenheitspflicht. In München musiziert Christian Thielemann mit Waltraud Maier und seinen Philharmonikern Richard Strauss, in Berlin macht Sir Simon Rattle Mozart und Barenboim Beethovens Neunte.

Außergewöhnliches ist da eher riskant. Als die Münchner Philharmoniker mal ganz modern zur Lasershow spielten, gefiel das Geflimmer nur den Kids – die Festgäste beschwerten sich über das Bombardement nach Star-Wars-Manier. Jetzt will es der WDR noch einmal wissen. Der Sender schickt seinen Chefdirigenten Semyon Bychkov immerhin mit Mahler in den Ring, und weil man 50 wird, leistet man sich ein multimediales Höllenspektakel zur Auferstehungs-Sinfonie. Der Wiener Künstler Johannes Deutsch hat zu Mahlers monumentaler Musik Formen erfunden, Figuren entwickelt, Farben entworfen. Und Computerspezialisten des Linzer Ars Electronica Futurelab haben aus Deutschs Storyboard auf Millimeterpapier eine virtuelle Realität geschaffen, die auf 54 Meter Leinwand projiziert wird.

Der Witz dabei: Bychkovs Interpretation nimmt trickreich Einfluss auf die optische Kunstwelt. Mit gewaltigem Aufwand: Für „Mahler multimedial“ rechnen 25 Hochleistungscomputer. Eine Million Euro kostet der Geburtstagsspaß. Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf hofft, so seine vorsichtige Prognose, auf „mehr als 3000 Zuschauer“. Da startet das Wiener Neujahrskonzert in einer ganz anderen Dimension. In 46 Länder wird es übertragen, für rund 50 Millionen Zuschauer. Und, husch husch, bereits am 6. Januar soll der Live-Mitschnitt des von Mariss Jansons geleiteten Konzert schon als CD im Handel liegen.

Währenddessen zögert der WDR noch, ob er aus seinem Neujahrs-Abenteuer eine DVD machen soll. Doch warum nur? Bychkovs Mahler-Interpretation ist ein wesentlicher Forschungsbeitrag zu der Frage, welche Bilder man zu klassischer Musik erfinden muss – Bildwelten möglicherweise, die ein ganz neues Publikum erreichen, weil sie auf Anhieb sichtbar machen, was man mit Erfahrung nur hören kann. Und: Wenn sich das Publikum vom aufwändigen 3D-Effekt beeindrucken lässt, dann hätte es sich nach vielen vergeblichen Versuchen erstmals gelohnt, im großen Stil Stereo-Brillen zu verteilen.

Dennoch – das einzig wahre Neujahrskonzert findet in Wien statt. Der Dirigent Clemens Krauss legte den Grundstein, als er Ende 1939 ein „Außerordentliches Konzert“ ansetzte und zwei Jahre später eine „Philharmonische Akademie“ nachlegte. Mythos wurde es mit den Fernsehübertragungen von 1959 an. Interessant auch 1987 wieder, als die Wiener Philharmoniker beschlossen, mit jährlich wechselnden Dirigenten zu arbeiten. Die Mitteilung, wer das anstehende Neujahrskonzert dirigieren wird, ist in Wien alljährlich ein „Habemus-papam“-Ritual. Klar dagegen, dass dann auch wieder Werke der Strauß-Dynastie auf dem Programm stehen. Künstlerische Kontinuität schreiben die Wiener Philharmoniker groß. Was immer auch heißt: Es wird nicht wehtun.

Simone Young dagegen macht’s in Hamburg spannend. Wer zu ihrem Neujahrskonzert in der Laeiszhalle nach einem Programm Ausschau hält, sucht vergeblich. Die Hamburger wissen: Ingo Metzmacher trieb das alte Jahr mit Musik des 20. Jahrhunderts aus. Simone Young dürfte diese Leidenschaft weiter pflegen. Warum auch nicht: Zu Neujahr wird man es auch mal im Konzertsaal krachen lassen dürfen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar