Kultur : Die Kleinarbeit der Kriminalisten

Silvia Hallensleben

Über das sogenannte Regietheater und seine Berechtigung wird derzeit heftig gestritten. Fragen nach dem Verhältnis von Historizität, Autorschaft und Gegenwart bestimmen dabei den weniger hysterischen Teil der Debatte. Auch das Kino ist in seiner Aufführungspraxis vergänglich und zeitgebunden, das zelluloide Material aber bleibt verfügbar (jedenfalls im Ideal) und wird im Lauf der Jahrzehnte selbst zum historischen Dokument. Aufgeladen mit künstlerischer Meisterschaft verwandelt es sich in Kristall, das uns in die Vergangenheit spiegelt und zeigt, wie wir uns verändert haben und die Welt um uns herum. Deshalb leben solche Filme bei jedem Anschauen neu.

So ist es auch bei den Filmen von Fritz Lang, von denen sechs gute Bekannte der frühen deutschen Periode jetzt im Lichtblick-Kino in der Kastanienallee eine Wiederaufführung genießen. Neben dem frühen Agententhriller Spione (am Montag) und Langs opulentem Stummfilm-Galastück Metropolis (am Samstag) steht dabei auch ein Film auf dem Programm, den man zu kennen meint – auch wenn es oft wohl nur das prägnante Bild von Peter Lorres aufgeschrecktem Blick ist, das sich in der Erinnerung festgesetzt hat. M ( heute bis Montag) ist das proletarisch-urbane Kittelschürzen-Gegenstück zum „metropolitanen“ Erhabenen und fokussiert den Blick auf den Einzelnen.

Wo „Metropolis“ mit technischer Monumentalität prunkt, liegt die Modernität bei „M“ in der Nüchternheit des analytischen Blicks. Lang präsentiert das Inventar kriminalistischer Kleinarbeit, das bis heute jeden Polizeikrimi ausmacht, auch wenn damals statt der Computer noch Karteien und Lochkartensysteme gefüttert wurden. Langs Interesse an den technisch-materiellen Details dieser Polizeiarbeit scheint aus heutiger Sicht bis in die Art der Montage wie ein Vorklang der aktuellen Besessenheit amerikanischer Kriminalserien mit den wissenschaftlich avanciertesten Methoden der Spurensicherung.

Auch filmästhetisch war Langs erster Tonfilm höchst avanciert: Die von ihm erstmals praktizierte Trennung von Bild- und Tonebene ist heute zur rhetorischen Standardformel geworden. Und die damals revolutionäre Verwendung akustischer Handlungselemente ist längst zum Klischee verkommen. Das den Mörder an einen blinden Bettler verratende gepfiffene Grieg-Motiv wird von Woody Allen in seiner neuen Kriminalkomödie „Scoop“ zitiert, die sich allerdings mehr in den distinguierten Landhäusern der britischen Upper Class ereignet als in den Niederungen des Großstadtdschungels. „Scoop“ startet Mitte November in deutschen Kinos. Im Nickelodeon (Torstraße 216) ist jetzt schon die ganze Woche lang Allens Der Stadtneurotiker zu sehen.

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