Kultur : Die kleine Auswanderung

Wo Musil faulenzte und Tucholsky sich verliebte: ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Sommerfrische

Jörg Plath

Thomas Mann tat es, George Grosz tat es, Victor Klemperer und Alfred Kerr taten es – und viele andere mehr. Sie alle reisten in die Sommerfrische, ein schöner, im vorletzten Jahrhundert erfundener Brauch. Stadtluft mag ja frei machen. Aber im Sommer macht sie leider auch schweißig, und mit den guten Gerüchen verschwinden in der Hitze die sie begleitenden Sitten: Man lässt sich gehen. Ohnehin kann, wer sich nun noch wie Maupassants Bel Ami in der Stadt aufhält, nichts Ehrenhaftes im Schilde führen – sind doch die Vertreter der guten Gesellschaft längst auf dem Lande, auf dem eigenen Gut wie der früher tonangebende Adel oder, fällt das Portefeuille bescheidener aus, im Kurbad, im Sommerhaus oder in einer Mietwohnung.

Sommerfrische heißt der Landaufenthalt, den bereits 1802 in Martin Wielands Neuem Teutschen Merkur ein gewisser Dr. Deneken all jenen Familien ans Herz legt, die über keine Gärten oder Landgüter verfügen. Die Verpflegung sei zwar frugal, jeglicher Luxus fehle, und allein die „schöne Natur“ locke. Doch sie schenkt dem Rousseauisten Deneken die Freiheit vom „Zwange der steifen Etikette“, von „allen Sorgen und allen Übeln, welche in der bürgerlichen Gesellschaft so oft unsere Zufriedenheit stören“. Die „edelsten Kräfte“ des Menschen lebten wieder auf, gestärkt kehre er zu seinen Geschäften zurück.

Die „Übel“ der bürgerlichen Gesellschaft nehmen dank der Industrialisierung deutlich zu. „Wir alle fressen Staub jetzt, Tag für Tag“: Die Klage des stets vollmundigen Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr ist eine gewaltige Untertreibung. Denn zum Staub der größtenteils unbefestigten Straßen gesellen sich Lärm, Hektik, Gerüche sowie periodisch in der Hitze ausbrechende Typhus- und Ruhrepidemien. Daher verschränken sich im Phänomen Sommerfrische Hygiene- und Gesundheitsstreben, der Wunsch nach Distinktion und Annäherung an den Adel sowie der Beginn des Phänomens Freizeit.

So wird die Sommerfrische bald zur Prestigesache, weshalb sich manche Angebetete das Jawort erst mit einer SommerfrischeKlausel im Heiratskontrakt abringen lässt. Solches Liebesglück kann Vermögen ruinieren. Selbst höhere Juristen wie der Vater des Schriftstellers Hans Fallada müssen die Wochen auf dem Lande gut planen. Der Ort der Sommerfrische sollte, erinnert sich Fallada, „billig sein, nicht zu weit von Berlin entfernt liegen, und er mußte dem Ideal entsprechen, das meine Eltern von ländlicher Stille und Schönheit hatten“. Die Schnäppchensuche verschlägt die Familie einmal an einen beinahe idealen Ort: in ein verlassenes Dorf.

Weil viele Landgasthöfe auch um 1900 noch nicht auf Sommerfrischler und ihren bisweilen monatelangen Aufenthalt eingerichtet sind, mieten die Städter Pensionszimmer oder Wohnungen. Für die Bauern oder Fischer ist diese Miete oft die einzige Einnahme in Bargeld. Sie vermieten ihre Räume in der Regel ohne Möbel, jedoch mit Betten, die Sommerfrischler reisen mit einem Teil ihres Hausstandes an. Auch die Perle des Haushalts ist bei der „kleinen Auswanderung“, wie es die Schauspielerin Tilla Durieux nennt, meist mit von der Partie. Und weil man jahraus, jahrein zu „seiner“ Familie fährt, entstehen freundschaftliche Bande. Auch darin ist die Sommerfrische ein Gegenentwurf zur städtischen Anonymität.

Dennoch birgt das Landleben herbe Enttäuschungen. Theodor Fontane, der sich im Alter des Komforts wegen zu Kurbädern bekehrt, flucht über die „Verbrechen“ der Sommerfrische: „Die Verpflegung ist miserabel, der Komfort null, die Wohnung noch miserabler. Entweder man wohnt in einer Laterne, darin man sich vor Morgen- und Mittagssonne nicht lassen kann, oder man wohnt sonnenlos, so wachsen die Pilze aus der Erde, und alles riecht nach Multer und Schimmel. Die Mäuse laufen einem über das Bett; wenn man einschlafen will, blaffen die Hunde, worauf die der Nachbardörfer antworten, und wenn man endlich eingeschlafen ist, krähen die Hähne und die pralle Morgensonne fällt einem aufs Bett.“

Die Vergnügungen sind bescheiden. Keine Parkanlagen, Einkaufsstraßen, Casinos oder Schlösser – es fehlen die „Paradeplätze der Toilettenkünste“. Dafür gibt es Ruhe und Landschaft, Ausflüge, Wanderungen sowie die Freuden des Wassers. Bereits Kinderfeste sind kleine Höhepunkte. Durch „Kuhmilch und Almspaziergänge“, schreibt Robert Musil, habe er seiner Seele „eine gewisse Kindlichkeit“ beschert und einen „geradezu dichterischen Grad von Imbezillität“ erreicht. Das belegt die Grußformel überzeugend: „Es grüßt Sie herzlich Ihr Muh - Muhsil.“

Die Familie verbringt meist nur wenige Tage der Sommerfrische gemeinsam. In der Regel reist das Familienoberhaupt am Sonnabend an und am Sonntagabend wieder ab. Um 1900 hat erst etwa die Hälfte der noch zahlenmäßig kleinen Gruppe von Angestellten im Großhandel, bei den Banken und in der chemischen Industrie die Möglichkeit, Urlaub zu nehmen. Unter den Arbeitern sind es weniger als zehn Prozent.

Manch einer der sommerlichen Strohwitwer fährt freilich nach einigen Stunden im Kreise der Lieben gern wieder heim, nutzt er doch die städtische Einsamkeit für eine amouröse Tändelei. Südlich der Alpen ist dafür die hübsche Bezeichnung „commedia italiana“ gebräuchlich. Dabei unternimmt er seine Fahrten meist mit der Eisenbahn; ohne diese wäre die Sommerfrische wohl ein Randphänomen geblieben. Eine Kutsche zu unterhalten, ist kostspielig; teuer sind auch die wenigen Lohndroschken, die eine Konzession für die Fahrt über das Land besitzen.

Die frühen Eisenbahnlinien werden als Fernverbindungen geplant und gebaut, von den Sommerfrischlern jedoch ausgiebig für kürzere Strecken genutzt. Das sich schnell verdichtende Eisenbahnnetz erweitert den Kreis der Reiseziele und der Reisenden. Die Mittelgebirge und die Seebäder rücken an die Städte heran und machen die Sommerreise auch für Teile des Kleinbürgertums erschwinglich. Als Sommerfrische gilt spätestens ab 1890 auch der Aufenthalt an der See, und viele Sommerfrischen, die auf keine Geschichte als Bad oder Kurort zurückblicken, nennen sich um die Jahrhundertwende Luftkurorte. Reisen allerdings in mediterrane, gar in mittelmeerische Gefilde sind in der Sommerhitze zunächst völlig unüblich, sie bieten keine Erfrischung. Und auch Sonnenbräune gilt in besseren Kreisen nicht als Zeichen der Erholung, sondern nur als Folge proletarischer oder bäuerlicher Arbeit.

Die Zahl der Reisenden nimmt rapide zu: 2815 Besucher zählt die ostfriesische Insel Norderney 1865, 1885 sind es 11000 und 1911 bereits 47000; aus 460 Besuchern 1872 im bayerischen Oberstdorf werden 1890 über 4000 und 1913 19000. In den Ostseebädern verdreifacht sich zwischen 1880 und 1890 die Zahl der Gäste auf etwa 50000.

Kein Wunder, dass Alfred Kerr in Heringsdorf den ganzen Berliner Westen wiedertrifft: „Das macht Toiletten und schwatzt und schreit und benimmt sich auffallend und verunreinigt mit Protzentum die anständige Seeluft.“ Von diesen Strapazen erholt sich der sensible Theaterkritiker dann erst in Berlin, wenn das gesellschaftliche Leben wieder in Gang kommt.

Die Verwandlung von Sommerfrischen in Urlaubsorte wird von Sommerfrischlern alten Schlages mit Argwohn betrachtet. Einer von ihnen warnt den Schriftsteller Peter Altenberg, eine Hymne auf den Ort zu verfassen: „Die, die ihn erkannt haben, sind schon seit langen Jahren da Sommergäste, und die, die durch Sie erst aufmerksam gemacht werden, verschandeln ihn!“

Viel eher sind für die Entwicklung der Ferienzentren jedoch die Erholungsuchenden selbst verantwortlich. Das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Zahl und Bedeutung zunehmende Bürgertum legt auch im Sommer Wert auf Distinktion. Also gründen die am einträglichen Geschäft interessierten Einwohner der konkurrierenden Reiseziele Verschönerungs-, Fremdenverkehrs- und Kurvereine. Sie erheben Kurtaxen, stellen Bänke auf, pflegen Wege und Anlagen, organisieren Feuerwerke, Konzerte, Badeanstalten. Die gesellschaftlichen Unterschiede werden dabei auf subtile Weise fortgeschrieben: Während das mondäne, auch von Ausländern besuchte Ostseebad Heringsdorf sozial schwächere Gäste mit einer hohen Kurtaxe abschreckt, empfindet Victor Klemperer das „benachbarte kinderwimmelnde Ahlbeck“ als „ausgesprochen kleinbürgerlich“.

Die Sozialcharakteristika der Urlaubsorte sind so bekannt, dass Theodor Fontane mit ihnen einen Roman beginnen lassen kann: Gordon wittert einen Skandal, als er in der Harzsommerfrische Thale die schöne Titelheldin Cécile am Arm des 50-jährigen Oberst a.D. von St. Arnaud erblickt. „Das ist Baden-Baden“, urteilt Gordon, „Baden-Baden oder Brighton oder Biarritz, aber nicht Harz und Hotel Zehnpfund.“ Cécile ist in unpassende Nähe gereist. Die "Stützen der Gesellschaft" fahren nach England, Italien oder Südfrankreich und entdecken dort den Winter als Urlaubszeit: 1865 begrüßt Davos die ersten Wintergäste, 1883 folgt St. Moritz.

Die älteren, stadtnahen Sommerfrischen geraten durch den Zug in die Ferne ins Hintertreffen. In den Zwanzigerjahren wird amerikanisch fix im Zeitraffertempo genossen: Kurt Tucholskys Liebespaar Claire und Wolfgang erleben in drei Tagen Rheinsberg genug für einen ganzen Urlaub und eine Erzählung. George Grosz muss derweil im Ostseebad Prerow mitansehen, wie Sandburgen mit Hilfe der Muschelsinnsprüche „Heil Hitler“ und „Juda verrecke“ zu Kultstätten des kommenden Dritten Reichs aufgerüstet werden. Danach gerät die Sommerfrische in Vergessenheit: Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ befriedigt den Urlaubshunger des „deutschen Arbeitsmenschen“ im ersten, erschwinglichen Massentourismus.

Heute, 150 Jahre nach ihrer frühen Blüte, erlebt die Sommerfrische eine Renaissance – als Kurzurlaub. Staus und Terrordrohungen machen die Nähe wieder attraktiv. Denn Sommerfrische, weiß Joachim Ringelnatz, heißt: „Vergiß dich. Es soll dein Denken / Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.“

Unser Mitarbeiter hat das literarische Lesebuch „Sommerfrische“ (dtv, 14,90 €) herausgegeben.

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