Kultur : Die kleinen Gangster

SUZAN GÜLFIRAT

Im Café Morena in Kreuzberg herrscht an diesem Tag schon morgens um halb elf geschäftiges Treiben: Junge Menschen laufen im hinteren Teil des Cafés aufgeregt durch die Gegend, ein Handy klingelt.Im Nebenraum hat ein Fotograf ein provisorisches Studio eingerichtet.Hektik und Aufregung liegen in der Luft.Keine Frage, hier passiert etwas Wichtiges - besser: Hier ist irgendwo jemand Wichtiges.Tatsächlich, da sitzt er in einer verwinckelten Ecke, und kaut lässig an seinem Mehrkornbrötchen: Fatih Akin, die neue Hoffnung des deutschen Films."Das ist schon mein viertes Interview.Ich habe noch zehn vor mir," sagt er ganz entspannt.Extra zur Berlin-Premiere seines Films ist Akin aus seiner Geburtsstadt Hamburg nach Berlin angereist.Die Hektik, das Handy, die Journalisten: Das alles läßt erahnen, was ihn, - der nur ein wenige Straßen von seiner Mutter entfernt wohnt, weil er ihre Nestwärme noch braucht - in nächster Zeit noch an Aufregung erwartet.Schuld daran ist sein erster Spielfilm, der den ironischen Titel "Kurz und schmerzlos" trägt.Schon lange bevor er in die Kinos kam, sorgte er für Aufsehen.

Fatih Akin ist erst 25 Jahre alt, Sohn türkischer Arbeitermigranten und sein Film, entgegen den Erwartungen, kein Film von einem Türken über Türken für Deutsche.Es ist ein Kriminaldrama, gutgemacht, hier und da noch ein wenig holprig, aber dennoch sehenswert.Der Film beschreibt die Geschichte des Gangstertrios Gabriel (Mehmet Kurtulus), Costa (Adam Bousdoukos) und Bobby (Aleksander Jovanovic): Ein Türke, ein Grieche und ein Serbe, die in Hamburg aufgewachsen sind und sich ewige Freundschaft geschworen haben.Nachdem der Türke Gabriel aus dem Gefängnis entlassen wurde, will er seiner Gangster-Vergangenheit den Rücken kehren.Er steigt in das Taxiunternehmen seines Bruders Cenk (Cem Akin, der Bruder von Fatih) ein und träumt davon, irgendwann einmal ein Strandcafe in der Türkei zu eröffnen.Doch durch seine Freundschaft zu Bobby und Costa gelingt es ihm nicht, seiner Vergangenheit ein für allemal den Rücken zu kehren.Bobby driftet weiter in die Unterwelt ab und läßt sich auf Geschäfte mit dem Mafia-Boss Muhammer (Ralph Herforth) ein.Costa klaut weiter Autos und trauert seiner verlorenen Liebe Ceyda (Idil Üner) nach.Während Gabriel seinen Freunden helfen will, aus dem Milieu auszusteigen, verstrickt er sich immer tiefer darin.Als dann noch Bobbys Freundin Alice (Regula Grauwiller) ins Spiel kommt, nimmt das Drama seinen Lauf.Am Ende sind zwei Freunde tot, einer auf der Flucht.

Stellenweise wirkt der Film mit Satz- und Bouzukimusik etwas kitschig.Dennoch ist er nicht langweilig, und das liegt an den drei Hauptdarstellern, die vor kurzem auf dem Festival von Locarno ausgezeichnet wurden.Eine bewegte Kamera und schnelle Schnitte sorgen für Spannung, Monologe in längeren Sequenzen für die nötige Sensibiltät.Diese gelungene Mischung versetzt den Zuschauer in ein ständiges Auf und Ab der Gefühle.Am Ende bleibt er irritiert zurück und überlegt, ob er Wut oder Mitleid mit den Protagonisten empfinden soll.

"Kurz und schmerzlos" ist zwar der erste Spielfilm von Fatih Akin, doch seine Filmkarriere begann er schon früher.Als Kind erzählte ihm sein Vater, daß er gerne Schauspieler geworden wäre.Wie sehr das seinen Entschluß, selbst Schauspieler zu werden, beeinflußt hat, weiß er nicht.Dem Schultheater folgte die erste größere Rolle im Hamburger Thalia-Theater als Kasper Hauser, danach Rollen in Vorabendserien wie "SK-Babies" und "Doppelter Einsatz"."Dort mußte ich immer den Türken vom Dienst spielen," sagt Akin, der es nicht mag, in die Rolle des armen, unterdrückten und verfolgten Türken gepreßt zu werden.Beeinflußt vom amerikanischen Kino der siebziger und achtziger Jahre und fasziniert von Coppala und Scorsese, verwirklichte er sich schließlich den Traum vom eigenen Film mit der Hauptrolle darin.Mit den Kurzfilmen "Sensin - Du bist es" und "Getürkt" machte er in den vergangenen zwei Jahren auf sich aufmerksam.Ursprünglich wollte er auch den Gabriel in "Kurz und schmerzlos" spielen, doch dann blieb es bei Buch, Regie und einer kleineren Rolle.

Fatih Akin wirkt auf Fotos älter als er ist.Doch wie er so im Café sein Frühstück verzehrt, wirkt eher jünger.Kaum zu glauben, daß er schon vor Jahren die Idee zu "Kurz und schmerzlos" hatte.Sequenz für Sequenz lag der Film im Kopf bereit.Die Vorlage lieferte das Leben: Die Geschichte der drei Freunde hat Akin selbst erlebt, erzählt er, nur ohne Tote.Die Film-Rolle des Costa hat sein Freund von damals bekommen.

Maxx Potsdamer Platz, Eiszeit, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, New York, Nord, Rollberg, Zoo Palast, Filmbühne Wien

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