Kultur : Die kleinste Boygroup der Welt

Der Berliner Jazzsänger Roger Cicero kombiniert Swing mit ironischen Macho-Texten. Die Frauen lieben das

Johannes Völz

Die weiblichen Fans können sich kaum halten. Tina schwärmt im Gästebuch, er sei „der Mann des Lebens“, Carmen beteuert: „Ich würde dich glatt heiraten“, und Silke schreibt: „Ich höre dich seit Tagen und kann nicht glauben, wie gut du die Frauen kennst.“ Sie verehren Roger Cicero, der sich gerade mit seiner CD „Männersachen“ (Warner) in die Top Ten der deutschen Albumcharts gesungen hat und dessen Konzerte so gut wie immer ausverkauft sind, obwohl die erste offizielle Deutschlandtournee erst im November beginnt.

Cicero ist so ein Typ, von dem träumen nicht nur Carmen und Silke, sondern auch Plattenfirmen, Frauenzeitschriften, der ganze Vermarktungsapparat des Pop. Es passt alles so gut zusammen bei ihm. Auf dem Cover macht er sich ausgezeichnet: Wie er lässig am Türpfosten lehnt, in weißem Hemd und schwarzem Hut, die Krawatte gelockert, darunter das Brusthaar im offenen Kragen – genauso funktioniert der Ratpack-Retrolook. Dazu die Musik: kein Plastikpop, keine Gitarrenbegleitung, sondern Swing, eingespielt von jungen Hamburger Musikern, nicht gerade originell in den Arrangements, aber lebendiger als die Bombastorchester der Sinatra-Epigonen Robbie Williams und Michael Bublé.

Ciceros Stimme schmiegt sich an die Band an, dehnt sich über die Oktaven, schwingt sich über die Taktstriche. Die Texte: Erzählungen aus dem Leben eines Playboys, der „kein Mann für eine Frau“ ist, sondern ein „adretter Jetsetter“. Und der den Charme des Frauenlieblings abzurunden weiß, indem er Schwächen eingesteht und als Ironie verkauft. Kommt er nach Hause, muss er sich anhören: „Bring den Müll raus, pass aufs Kind auf, und dann räum hier auf“, wie es in seiner ersten Single „Zieh die Schuh aus“ heißt. Die Texte gehen nicht auf Ciceros Kenntnis der Frauen zurück, sondern auf das Geschick des Texters Frank Ramond, Geschlechterrollen nach brauchbarem Songmaterial abzuklopfen und so zu Zeilen zu kommen, die teils lakonischen Witz offenbaren („Du wolltest ihn, er wollte nicht, jetzt hast du mich“), teils das Spontaneitätsdiktat der Fernsehwerbung nachbeten („Erlaubt ist, was gefällt / Ein Mann von Welt hüllt sich nie in Alltagsgrau“).

Dass Frank Ramond und der Komponist Matthias Hass auch schon die Musik für Annett Louisan geschrieben haben, deren Erfolg ebenfalls auf verspielten deutschen Texten über Mann und Frau aufbaut, legt einen Verdacht nahe: Wurde dieser Roger Cicero von der Industrie gecastet, um einem fertigen Produkt Gesicht und Stimme zu leihen? Ist er eine Ein-Mann-Boygroup für die Zielgruppe der 25- bis 40-Jährigen?

Beim Interview im Berliner Hotel Kempinski stellt Cicero klar: Deutschen Swing zu singen, sei seine Idee gewesen. „Und als wir uns für deutsche Texte entschieden hatten, war es nur ein kleiner Schritt, Frank Ramond zu fragen.“ Die Promoterin hat zum Mittagessen eingeladen und weicht während des ganzen Gesprächs nicht von der Stelle. Wenn ihr Schützling etwas sagt, das ihr nicht passt – etwa: „Das nächste Album wird in eine ähnliche Richtung gehen“ –, schaltet sie sich dezent ein: „Ich glaube nicht, dass Roger in Zukunft immer das Gleiche machen wird. Er ist so vielseitig.“ Als die Fotografin Cicero bittet, seine Baskenmütze abzunehmen, weigert er sich. Aus gutem Grund: ohne Mütze keine Kunstfigur.

Man sieht das sofort auf dem Album „Good Morning Midnight“ (Act), das er im letzten Jahr mit der Berliner Pianistin Julia Hülsmann aufgenommen hat. Er ist kaum wiederzuerkennen darauf, weder optisch noch musikalisch. Das Cover zeigt seinen unbedeckten Glatzenansatz, und schon erscheint es abwegig, dass man es mit einem Hallodri zu tun haben könnte. Und während Cicero, der in Amsterdam Jazzgesang studiert hat, auf seinem eigenen Album mit seinen Frauen in Paris, New York und an der Copacabana prahlt, singt er mit Hülsmann deren eigenwillige Vertonungen der spätromantischen Lyrik Emily Dickinsons. Ein kurioser Kontrast, immerhin gilt die amerikanischen Dichterin als Vorläuferin der „écriture feminine“ und lebte 25 Jahre zurückzogen im Haus ihrer Eltern in Neuengland. Mehr als ein Abstecher ins Jazz-Kunstlied sei das nicht gewesen, sagt Cicero, „ich wusste mit Dickinsons Gedichten zuerst wenig anzufangen, da ging es erst mal darum, die Wörter richtig auszusprechen“. Seine Spezialität seien „mainstreamigere Sachen“. So hat er in den letzten Jahren als Gastsänger der „Soul ounge“ von sich reden gemacht, einer Band, die mit Vorliebe Soul-Klassiker von Stevie Wonder und Bill Withers covert.

Vielleicht hat er das Gespür für das Publikumswirksame von seinem Vater Eugen mitbekommen. Der Pianist wurde in den Sechzigern und Siebzigern gefeiert für seine doch eher leicht verdaulichen Verbindungen aus Klassik und Jazz, trat regelmäßig im Fernsehen auf, spielte beim Rias-Tanzorchester. Und ähnlich wie sein Sohn verschaffte er sich den Respekt der Künstlerkollegen durch eine geradezu stupende Technik, die ihm den Beinamen „Mr. Golden Hands“ einbrachte. Eugen, der aus Klausenberg im rumänischen Siebenbürgen stammte, setzte sich 1961 während einer Tournee nach Westberlin ab und änderte bei der Gelegenheit den Familiennamen von Ciceu in Cicero. „Durch ihn bin ich schon früh mit einer Welt in Kontakt gekommen, die ein bisschen glamouröser war“, sagt Roger. So wuchs er in dem Glauben auf, seine Patentante sei Caterina Valente („Erst neulich habe ich von meiner Mutter erfahren, dass das gar nicht stimmt“), und er erzählt die Geschichte, wie er als kleines Kind „Josephine Baker in den Ausschnitt kotzte“.

Wie viel von dem „Piraten, Macho und Sunnyboy“, wie ihn ein Fan im Gästebuch beschreibt, ist denn nun wirklich er und wie viel ist Persona? Es sei in jedem Song etwas dabei, das er so ähnlich schon mal erlebt habe, sagt Cicero. Eigentlich, gesteht er nach etwas Überlegen, könne er gar nicht so genau sagen, wo er aufhöre und wo die Inszenierung anfange. Seitenblick zur Promoterin. Sie scheint zufrieden, lächelt still.

Roger Cicero singt am Samstag im Schillertheater. Das Konzert ist ausverkauft. Am 8. Januar 2007 kommt er in den Admiralspalast.

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