Kultur : Die Knochen meiner Mutter

Jörg Plath

über das Wühlen im Morast der Erinnerung Soviel Zweiter Weltkrieg war nie auf den deutschen Büchertischen. Doch anders als dem Film geht es der Literatur weniger um Untergang oder Widerstand als um Kontinuitäten. „Trümmer 45“ heißt ein Gedicht von Inge Müller , die nach einem Bombenangriff drei Tage lang verschüttet war und dann ihre toten Eltern ausgrub: „Da fand ich mich/ Und band mich in ein Tuch/ Ein Knochen für Mama/ Ein Knochen für Papa/ Einen ins Buch.“ Die Lyrikerin war eine Ikone in der DDR, nicht anders als Brigitte Reimann oder Maxie Wander. Alle drei haben ein trotziges Dennoch gelebt mit nicht nachlassendem Lebensdurst und starben früh unter tragischen Umständen. Von Inge Müller sind einfach wirkende, atemlose Gedichte geblieben. In einem heißt es „übriggeblieben zufällig“. Sie heiratete den unbekannten und wohnsitzlosen Heiner Müller, doch die Arbeits- und Liebesbeziehung scheiterte. 1966 nimmt sie sich das Leben. „Das Leben fängt heute an“ (Aufbau) hat Sonja Hilzinger ihre Inge Müller-Biographie genannt, die sie am 2.3. im Literaturforum vorstellt (20 Uhr). Eine Woche später, am 10.3., präsentieren Judith Kuckart und Susanne Feldmann am selben Ort ihre Annäherung an Inge Müller: „VEB Sehnsucht“.

Zu jenen Nachgeborenen, die sich für den Krieg interessieren, gehört auch der 46-jährige Michael Wildenhain, der Romancier der Berliner Hausbesetzungen. Nun schreibt er sich in seinem neuen Roman „Russisch Brot“ (Klett-Cotta) durch die Sechzigerjahre zurück bis in die Hitlerzeit: Sein Ich-Erzähler kommt traumatischen Erinnerungen seiner Mutter an eine Liebe auf die Spur, die die historischen Umstände zermahlen. Wildenhain liest neben anderen Berliner Autoren zum „Saisonauftakt“ im Literarischen Colloquium (4.3., 20 Uhr).

Wer danach nicht (genügend) erschüttert ist, kann es im Akademie-Gebäude am Pariser Platz mit 24 Stunden Schiller versuchen: von Samstagmittag an.

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