• Die Kölner Messe schnürt Art Brut, Editionen und alte Kunst zu einem neuen Angebotspaket

Kultur : Die Kölner Messe schnürt Art Brut, Editionen und alte Kunst zu einem neuen Angebotspaket

Sigrid Nebelung

Liegt es am "Glücksklee" von Thomas Bayrle, dass die KölnMesse jenes Quentchen Fortune hat, das für ein neues Projekt notwendig ist? Den Besucher der neuen Messe "kunstKöln 2000" für Editionen, Art Brut und Kunst nach 1960 empfängt gleich im Entrée eine Pop-Ikone aus 4000 Dosen Glücksklee-Milch, mit der der Frankfurter Akademieprofessor Bayrle die Verheißungen der Konsumindustrie parodiert.

In Düsseldorf war die "Art Multiple" nach jahrelangen Bemühungen um das richtige Konzept im vorigen Jahr gescheitert. Der Bundesverband Deutscher Kunstverleger als ideeller Träger der Messe wurde darauf rasch mit der Kölner Messe einig, was die alten Rivalitäten zwischen den Kunstmetropolen Köln und Düsseldorf nicht gerade entschärft. Die Übernahme der "Art Multiple" ist für die Kölner dennoch ein Abenteuer, die mit der "Art Cologne" bereits ein etabliertes Forum für moderne Kunst besitzt. Ist nicht jede neue Messe eine zuviel, wie die Kritiker des Messe-Booms seit Jahren predigen?

Als von der "Art Cologne" abgewiesene Galerien vom Zulassungsausschuss den Hinweis bekamen, es dafür auf der neuen "kunstKöln 2000" zu versuchen, kamen Befürchtungen auf, die neue Messe könnte ein Auffangbecken für die Abgelehnten werden. Doch die KölnMesse verfolgt eine andere Strategie: Sie setzt auf Fusion mit der "Westdeutschen Kunstmesse", die im Windschatten der Maastricher TEFAF-Messe um die Gunst der Sammler bangt.

Der TEFAF mit ihren musealen Weihen kann die solide "Westdeutsche Kunstmesse" in Verbindung mit der jungen "kunstKöln" nun etwas Neues entgegensetzen. Erstaunlich eigentlich, dass ein solches Kunstmessen-Duett bisher nirgends ausprobiert wurde. Kunst im Doppelpack: Oben, in der Beletage der Rheinhallen die klassische "Westdeutsche", die jetzt "Kunst Messe Köln" heißt, mit dem bewährten Panoroma aus kostbaren Möbeln, Teppichen, Uhren, Schmuck, Gemälden und Exotica. Dagegen im Erdgeschoss Editionen, Outsider-Kunst, hierzulande als Art Brut bekannter, und nach 1960 entstandene Unikate. "Wir sind ein ungleiches Paar", räumt Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Kunstverleger ein, "aber Gegensätze ziehen sich an." Die Messen könnten sich gegenseitig neue Besucherschichten erschließen. Die Eintrittskarte ist für beide Messen gültig.

Ihren Glanz gewinnt die "Westdeutsche" wie gewohnt aus der Malerei. Das teuerste Gemälde, Georges Braques "Grauer Tisch" von 1930 aus der Sammlung Nelson Rockefeller, soll bei der Salzburger Galerie Salis & Vertes rund 9 Millionen Mark kosten. Preislich folgt Edouard Manets "Blumenkorb" bei Beck & Eggeling für 5,6 Millionen Mark, dessen Provenienz sich bis zu Madame Manet zurückverfolgen läßt. In dieser noblen Gesellschaft gastiert Karsten Greve mit den marmornen Meditationsblöcken von Karl Prantl. Greve nimmt zusätzlich an der "kunstKöln 2000" im Erdgeschoss teil, wo zehn Galerien die Kunst von Außenseitern präsentieren und der Messe ein besonderes Profil verleihen. Es ist kein Zufall, dass er den amerikanischen Künstler Purvis Young vorstellt. Der Schwarze aus Miami (Jahrgang 1943) fing erst im Gefängnis zu malen an. Seine Straßenszenen auf alten Brettern oder Packpapier zählen in den USA zur Outsider Art, der Kunst von Autodidakten, Sonderlingen, psychisch Kranken. Sie hat in amerikanischen Museen und Sammlungen ihren festen Platz und seit acht Jahren in New York sogar eine eigene Messe.

Deren Vorbild folgen die Kölner. Um die Authentizität dieser Kunst zu unterstreichen, zeigt eine Sonderschau Teile der Art-Brut-Sammlung von Arnulf Rainer, darunter Klassiker wie Adolf Wölfi, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Louis Soutter bis zu den österreichischen Künstlern aus Gugging. Ihre Arbeiten wurden zuerst von Künstlern gesammelt, die darin inspirierende Gestaltungskraft entdeckten. Die besten Kunden der Kölner Art Brut-Galeristin Susanne Zander sind deshalb noch immer Künstler und "Menschen aus Kreativberufen".

Am Angebot der über hundert weiteren Galerien mit Editionen und Auflagenprojekten ist ein Revival der Pop Art abzulesen. Blätter von Richard Hamilton und David Hockney, Andy Wahrhol und Roy Lichtenstein sind begehrt; auch die seriellen Bildwelten von Thomas Bayrle aus den sechziger Jahren wirken aktuell. Er bekam den "kunstKöln 2000"-Preis für sein Gesamtwerk verliehen, den "Glücksklee" inbegriffen. Die jüngste Messe im Rheinland schreibt Kunst noch klein und Köln groß. Das sollte kein Omen sein. Die Messe muss also einen besseren Titel finden.KölnMesse, bis 9. April; Katalog 20 Mark.

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