Kultur : "Die Kombination war ein unwiderstehliches Angebot"

Selbst für Kenner der Branche war es eine Überraschung: Die Bertelsmann AG übernimmt die Mehrheit am Berlin Verlag, der sich vor allem mit seinem anspruchsvollen Belletristik-Programm seit seiner Gründung vor vier Jahren einen Namen gemacht hat.Zudem wird der 54jährige Verlagsgründer Arnulf Conradi ab dem 1.Juli auch die Geschicke des Berliner Siedler Verlags lenken und damit die Nachfolge von Wolf Jobst Siedler antreten.Über den Verkauf an Bertelsmann, die verlegerische Unabhängigkeit von Siedler und Berlin Verlag und seine Pläne für die Zukunft sprach Christian Böhme mit Arnulf Conradi.

TAGESSPIEGEL: Ist der Verkauf an die Bertelsmann AG eine Bankrotterklärung des Berlin Verlags?

CONRADI: Nein, das kann man auf keinen Fall sagen.Der Berlin Verlag ist ein äußerst erfolgreiches Unternehmen.Wenn wir am Rande des wirtschaftlichen Ruins ständen, dann hätte Bertelsmann auch kein Interesse an uns.

TAGESSPIEGEL: Sie haben sich also finanziell nicht übernommen?

CONRADI: Nein.

TAGESSPIEGEL: Warum dann der Verkauf?

CONRADI: Die Kombination Siedler Verlag und Berlin Verlag - mit der Zusicherung der völligen verlegerischen Eigenständigkeit mit eigenen Vertretern, eigenen Vertrieb und eigener kaufmännischer Leitung - war ein unwiderstehliches Angebot.

TAGESSPIEGEL: Siedler und Berlin Verlag bleiben mit eigenen Namen und eigenen Programmen erhalten? In der "FAZ" konnte man das anders lesen.

CONRADI: Das ist eine völlige Falschmeldung.Siedler wird in seiner Identität vollständig bewahrt werden.Ich fühle mich der Arbeit des Verlagsgründers, Wolf Jobst Siedler, verpflichtet.Für den Berlin Verlag gilt das gleiche.Der ganze "FAZ"-Artikel verdient den Namen "bösartige Ente".

TAGESSPIEGEL: Dennoch: Man hat den Eindruck, wieder hat ein Großer einen Kleinen der Branche geschluckt.Kann denn da überhaupt noch von Unabhängigkeit die Rede sein?

CONRADI: Ich kann nur davon ausgehen, was in meinem Vertrag steht.Trotzdem.Es gibt natürlich immer ein lachendes und ein weinendes Auge bei so einem Entschluß.Aber die Aussicht auf ein solches Verlagsunternehmen in Berlin mit der Kraft von Bertelsmann im Rücken war einfach zu reizvoll.

TAGESSPIEGEL: Sie werden sich also vergrößern?

CONRADI: Das Programm des Berlin Verlags wird sicherlich erweitert.Das war ohnehin schon länger geplant.

TAGESSPIEGEL: Programmerweiterung in welche Richtung?

CONRADI: Dazu kann ich noch nichts sagen.Es gibt viele Überlegungen.

TAGESSPIEGEL: Welche zum Beispiel?

CONRADI: Wir denken an einen neuen Buchtyp.Aber darüber möchte ich noch nicht sprechen.

TAGESSPIEGEL: Denken Sie über einen Einstieg ins Taschenbuchgeschäft nach?

CONRADI: Ja, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern.

TAGESSPIEGEL: Wie sehen die Perspektiven für den Siedler Verlag aus?

CONRADI: Siedler und Berlin Verlag sind sich ja sehr ähnlich: Beide Häuser haben auf hohem Niveau bei großem Erfolg Bücher gemacht.Und beide werden mit der bisherigen Programmatik weiter machen.

TAGESSPIEGEL: Das klingt ja alles wunderbar.Doch befällt Sie nicht auch Wehmut angesichts der Tatsache, daß kleine Verlage offenbar nicht mehr überleben können?

CONRADI: Ganz so pessimistisch sehe ich das nicht.Der Berlin Verlag ist doch ein gutes Gegenbeispiel.So wie wir werden auch andere Verlage in Nischen vorstoßen und sich dort etablieren.Insofern teile ich nicht die Ansicht, kleinere Unternehmen könnten in der Branche nicht bestehen.Wir hätten in dieser Form, in dieser Größe auf Jahre hinaus so weitermachen können.Aber wenn es eine Möglichkeit gibt, einen solchen Sprung zu machen, muß man darüber nachdenken.Ich habe ja nicht mehr endlos Zeit, den Berlin Verlag auszubauen.

TAGESSPIEGEL: Wenn man zwei Verlage führen muß, wird die Arbeit nicht gerade einfacher.

CONRADI: Ich sehe das als Herausforderung.Einfach ist es nie, mit Büchern Geld zu verdienen.Das wissen alle.Aber ich glaube, daß es möglich ist.Und in Deutschland ist es einfacher als in einem anderen Land.

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