Kultur : Die Konstruktion der Natur

Katrin Wittneven

Schwingende Ventilatoren, ein Museumsboden aus künstlichem Eis, in gelbes Licht getauchte Ausstellungshallen - die Installationen von Olafur Eliasson schaffen ästhetische Wahrnehmungsräume. Fast meditativ muten die stillen Arbeiten an, die den Besucher durch verschiedene Zonen führen und ihn auf sich selbst zurück werfen. Das subjektive Erleben von natürlichen oder vermeintlich natürlichen Erscheinungen spielt in allen diesen inzwischen international ausgestellten Installationen eine Rolle. Die sich daraus ergebende Dualität von Natur und Kultur interessiert Eliasson aber nur am Rande, vielmehr steht die Erkundung und Erweiterung von Wahrnehmungsmustern im Zentrum seiner Kunst.

Der 1967 in Kopenhagen geborene Künstler, der heute in Berlin lebt, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Island. Noch heute zieht es ihn jedes Jahr in den hohen Norden. Es ist verlockend, seine naturbezogenen Arbeiten mit der Urwüchsigkeit dieses Landes in Verbindung zu bringen. Aber es würde in die Irre führen, denn natur-romantisch oder gar verklärt sind Eliassons Arbeiten keineswegs. Selbst wenn er künstliche Regenbögen oder temporäre Wasserfälle ins Leben ruft, sind die präzisen Versuchsaufbauten immer sichtbar und machen die Illusion als solche erkennbar.

So auch in seiner jüngsten Ausstellung "die dinge die du nicht siehst die du nicht siehst" in der Galerie neugerriemschneider (Preis der Installation auf Anfrage). Durch einen acht Meter langen in sich gedrehten Spiraltunnel aus Wellpappe betritt der Besucher den Raum. Er erinnert an eine organische Form, ist aber nach mathematischen Grundmustern wie den Fibonacci-Zahlen entwickelt worden, mit denen versucht wurde, die Wachstumsprozesse von Blattstrukturen zu verstehen. Wie bei den Geodätischen Kuppeln des amerikanischen Ingenieurs, Designers und Forschers Richard Buckminster Fuller in den fünfziger Jahren scheint Eliasson einem mathematischen Koordinationssystem nachzuspüren, das die strukturellen Systeme der Natur reflektiert.

Aus ausgestanzten Wellpappeteilen entstanden weitere verschiedene architektonische Module, die den Galerieraum unterteilen. Meditativ ist diese verschachtelte Installation Eliassons jedoch keineswegs. Lautes Brummen, das an Flugzeugdüsen oder Turbinen in Fabrikhallen erinnert, bringt eine urbane Umgebung in den Kunstraum. Vorbei an einem Röhrensystem und einem kleinen Modell, das die Elemente der Ausstellung noch einmal aufnimmt, gelangt der Besucher zu der Apparatur ins Zentrum: eine Nebelmaschine mit Kunststoffröhren, aus denen Luft strömt. Diese bündelt den künstlich produzierten Nebel zu einem schmalen in sich gedrehten Band, das wie die Keimzelle eines Wirbelsturms erscheint. Es bewegt sich leicht in der Luft und wird schließlich durch Röhren in den Außenraum geleitet, wo sich der Nebel auflöst. Der flüchtige Moment kehrt hier als Motiv zurück, ebenso wie das Aufheben der Grenzen kultureller und natürlicher Phänomene. Mit einer Handbewegung kann das Band unterbrochen werden, findet dann aber bei freiem Luftstrom sofort wieder seine Form. Und bei dem Gedanken zurück an den Spiraltunnel im Eingang werden wir selbst für einen Moment zum Partikel in der Nebelstruktur.

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