Kultur : Die Kosmetik des Krieges

Mit Martin Crimps „Cruel and Tender“ eröffnet die „Spielzeit Europa“ der Berliner Festspiele

Christina Tilmann

Der Stachel sitzt tief, ganz nah beim Herzen. Und die Frau, die dort auf dem Bett liegt, weint, klagt, ist auf den ersten Blick nicht mehr als die betrogene Ehefrau. Eifersucht, Verlassenheit, Einsamkeit – die übliche Skala der Emotionen. Doch dann fällt der Satz: „Sie stehen unter Terrorismusverdacht. Sie haben eine Waffe versteckt.“ Der Stachel als Waffe, das Opfer als Täterin. Es ist Krieg, und im Krieg ist auch die Liebe und Ehe ein Schlachtfeld.

Martin Crimps „Cruel and Tender“, eine Koproduktion etlicher europäischer Festivals, gewinnt in der ersten Hälfte durch seine Engführung einen besonderen Reiz. Das Stück ist eine Überformung von Sophokles’ selten gespielter Tragödie „Die Trachinierinnen“ – über die Rückkehr des Helden Herakles nach Trachis. Ein General kehrt nach Hause zurück, bringt seine junge Geliebte und deren Sohn mit ins eheliche Heim, und die Gräuel, die er im Krieg verübte, irrlichtern nur noch im Hintergrund, ins Spiel gebracht durch diverse Boten.

Das war, bei der Uraufführung im Frühjahr dieses Jahres in Wien durch Luc Bondy, als die Welt über die Folterbilder aus dem Irak erschrak, eine ziemlich punktgenaue Landung. Mit Szenen, in denen sich der – durch ein Attentat seiner Frau verwundete – General den Kopf mit einem weißen Tuch verhüllt, in denen die afrikanische Geliebte wie ein Beutestück vorgeführt wird, in denen über Kindersoldaten und Terroristen diskutiert wird, ein Minister die Wahrheit nach Belieben manipuliert und am Schluss der Kriegsverbrecher zwar verhaftet, aber im Blitzlichtgewitter triumphal abgeht: der Assoziationsraum ist nicht wegzudenken.

Wenn dieses Stück nun im Haus der Berliner Festspiele die neue Programmsparte „Spielzeit Europa“ eröffnet, ist der Resonanzboden ein ganz anderer. Gedacht als internationales Pendant zum Theatertreffen im Mai, ist die „Spielzeit“ schon in der ersten Saison mit Robert Lepage aus Kanada, John Jesurun aus New York, Emilio García Wehbi aus Argentinien und Ahmed El Attar aus Ägypten keineswegs auf Europa beschränkt. Sie soll vielmehr, so Kulturstaatsministerin Christina Weiss bei der Eröffnung, als „globales Theatertreffen“ das Beste der Saison in Berlin präsentieren. Frank Castorf und Peter Brook beschließen im Februar 2005 den ersten Jahrgang.

Am ersten Abend feierte man ein Fest der europäischen Theaterkultur. Regisseur Luc Bondy, Autor Martin Crimp, die Schauspieler Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever, Ulrich Matthes und Fritzi Haberlandt: Im Publikum sitzt, was Klang und Namen hat in der deutschen, insbesondere der Berliner Theaterwelt. Es ist der schöne, alte Schaubühnen-Kreis, der sich hier bei einer Inszenierung versammelt, die auch in der Schaubühnen-Tradition steht: konzentriert, streng und großes Schauspielertheater.

Da schadet es wenig, dass Martin Crimps Text bisweilen zu geschwätzig die eigenen Pointen verspielt, besonders im zweiten Teil, der dem heimgekehrten General gewidmet ist, die These vom Krieg in den eigenen vier Wänden an weltpolitische Erklärungen verrät. Was das Ensemble des Londoner Young Vic Theaters auf die Hinterbühne der ehemaligen Freien Volksbühne an der Schaperstraße zaubert, ist von einer Präsenz, ja Körperlichkeit, wie man sie selten sieht im deutschen Theater. Das liegt vor allem an Kerry Fox, der Hauptdarstellerin aus Patrice Chéreaus umstrittenem Film „Intimacy“, auf der zunächst alle Aufmerksamkeit ruht. Ihre Amelia, die Generalsgattin, die in einem leicht schäbigen Apartment unweit des Flughafens auf die Rückkehr ihres Gatten wartet, ist stets Proletarierin geblieben, zunächst in faltigem Leinendress, dann in knallrotem, viel zu engem Abendkleid. Umgeben von Fitnessgeräten, die wie Foltergeräte wirken, und einem Helferstab von Kosmetikerin, Fitnesstrainerin und Hausgehilfin (schön britisch: Jessica Claire, Lourdes Faberes und Nicola Redmond), spielt sie ein einziges großes Solo, bis zum Todestanz zu Händel-Klängen.

Wenn sie den schmierigen Journalisten, den kühl kalkulierenden Minister verführt, haben die beiden keine Chance, angesichts ihrer überquellenden Weiblichkeit, diesem festen Fleisch, den stämmigen Beinen, die so fest am Boden stehen und der Musikalität des Körpers, der jeden Satz, jede Emotion intoniert. Die Freizügigkeit, die Chéreaus Film in eine Beziehung ohne Liebe legen wollte, lässt sich auch mit der Rolle der verlassenen Gattin mühelos verbinden. Das ist es, was uns Kerry Fox an diesem Abend zeigt.

Und erst nach ihrem Abgang schlägt die Stunde der Männer: der heimkehrende General, in keiner Szene gemeinsam mit seiner Gattin zu sehen, wird in Joe Dixons Darstellung zur virtuosen Körperperformance: Hier gibt jemand bewusst den Affen, entzieht sich dem eigenen lädierten Körper, den Vorwürfen der Umgebung und der Verantwortung für die begangenen Gräueltaten durch eine halb kindische, halb gewalttätige und stets voll kalkulierte One-Man-Show. Der Mensch, der hier so überzeugend das Tier gibt, wird für seine Taten nie belangt werden, das lehrt der Schluss, in dem der Täter sich, einer Apotheose gleich, zum Opfer stilisiert, und keiner hindert ihn. Spätestens hier scheint zum Thema Verantwortung alles gesagt. Was bleibt, wissen die Götter.

Bis 9. Oktober. Karten noch für die Zusatzvorstellung am Sonnabend, 15 Uhr.

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