Kultur : Die Kraft der bunten Birnen

Olav Christopher Jenssen gilt als wichtigster norwegischer Maler seit Munch – und lebt in Berlin

Nicola Kuhn

Saukalt ist es draußen, bereits dunkel, Fußgänger, Radler, Autofahrer drängeln aneinander vorbei. Letzte Hektik vor dem Ladenschluss. Eigentlich sollte man die Oranienstraße um diese Zeit meiden. Oder sich gerade dort verabreden – zu einem Atelierbesuch bei Olav Christopher Jenssen, zweiter Hinterhof rechts, Aufgang C. Denn der Kontrast könnte größer nicht sein. Hinter der grauen Stahltür öffnet sich ein Licht durchfluteter Raum, Musik von Arvo Pärt dringt aus den Lautsprechern. Jemand bietet Tee an: mit Vanillegeschmack? Das alles wirkt wie ein Sommer mitten im Winter. Und doch steht der norwegische Maler mit beiden Beinen auf dem Boden. Seine Füße stecken in etwas ausgelatschten Schuhen, der rechte wird hinten von Klebeband zusammengehalten. Nein, Olav Christopher Jenssen ist kein Träumer, auch wenn seine abstrakten Gemälde wie Reisepläne ins Unbewusste wirken. Der von einer der Vesteralen-Inseln stammende Künstler gilt seit Edvard Munch als der bedeutendste Maler Norwegens.

Munch – das passt und passt doch wieder nicht. Denn auch Munch machte wie so viele andere Skandinavier in Berlin Station auf der Suche nach dem künstlerischen Glück. Olav Christopher Jenssen hat es hier gefunden, auch wenn er sagt, dass er überall hätte leben können. Vor zwanzig Jahren kam er in die Stadt, nachdem er bei einem New York-Aufenthalt immer wieder auf die Neuen Wilden gestoßen war. Wirklich gesucht hat er Salomé, Rainer Fetting, Hödicke letztlich doch nicht. Vielmehr interessierte ihn der Pulsschlag der Stadt, der in ihren wilden gestischen Bildern sichtbar wurde. Dafür aber hat er hier die Liebe seines Lebens getroffen, eine Berlinerin, mit der er heute vier Kinder hat: inzwischen 20, 17, 13 und 10 Jahre alt.

„Wir müssen uns Olav Christopher Jenssen als einen glücklichen Menschen vorstellen“, war vor drei Jahren ein Katalogessay überschrieben anlässlich einer Ausstellungstournee. Ein eher ungewöhnlicher Titel, denn in der Kunst, zumal in Katalogtexten wird nur selten Privates und Künstlerisches vermischt. Bei Jenssen aber geht das. Denn in seiner Kunst selbst wird diese heitere Gelassenheit bereits spürbar, durch das Nebeneinander verschiedener Materialien und Medien, die Gleichzeitigkeit intuitiven Suchens und konzeptueller Herangehensweise.

Überall im Atelier hängen unfertige Gemälde, fast gleichzeitig begonnene Zeichnungen liegen in ganzen Stapeln nebeneinander. Wandernd von Bild zu Bild, von Zeichnung zu Zeichnung vollendet Jenssen seine Werke, die dadurch wie aus einem laufenden Prozess entstanden scheinen. Auf dem großen Gemälde an der Längswand etwa baumeln bereits die für ihn so typischen birnenartigen Formen, Gitterstrukturen, Verästelungen von einem knallrosa gemalten Balken, der wiederum unter einen saftiggrünen Balken liegt. In den Papierarbeiten mäandern dagegen bunte Linien aus Pastellkreide wie von Kinderhand gezeichnet über das weiße Blatt.

Künstlerische Kraft und Sanftheit sind hier kein Gegensatz, sondern ergänzen einander. Der belgische Ausstellungsmacher Jan Hoet gehörte mit zu den Entdeckern dieser lyrischen abstrakten Malerei. Zusammen mit Luc Tuymans holte er den Norweger 1992 auf die Documenta IX nach Kassel. Doch während sich derzeit alle Welt um die figurativen Gemälde des Antwerpener Kollegen reißt, scheint Olav Christopher Jenssen von dem jüngsten Malereiboom ziemlich unberührt geblieben. Der Fünfzigjährige zuckt mit den Schultern, lacht sein verschmitztes Lachen und erklärt, dass es doch wunderbar sei, wenn nur wenige Werke von ihm auf dem so genannten zweiten Markt zirkulierten, auf dem Bilder wieder weiterverkauft werden. „Das bedeutet doch, dass die Menschen meine Bilder behalten und nicht damit handeln wollen“, betrachtet er die Sache ins Positive gewendet.

Der Skandinavier lässt den Dingen ihre Zeit. Gerade erst hatte er Galerieausstellungen in Barcelona und Bilbao, die eingepackten Bilder lehnen noch an einer Atelierwand. Zuvor gab es zwei weitere Präsentationen in New York und Amsterdam, in Düsseldorf läuft derzeitig eine weitere Schau. Fehlt nur Berlin, obwohl Jenssen auch hier an versteckten Orten zu entdecken ist: mit einer großartigen Wandarbeit unter dem Dach des Martin-Gropius-Baus, in den Skandinavischen Botschaften und in der Landesbank Berlin am Theodor-Heuss-Platz. Das könnte im nächsten Jahr anders werden. In einer Atelierecke lehnt eine Fotomontage, die den Blick durch die Mauerstraße auf die Fassade eines Bewag-Gebäudes zeigt. Doch dort, wo ehemals das triste Umspannwerk den Blick versperrte, soll dann ein 20 mal 40 Meter großes Relief von Olav Christopher Jenssen zu sehen sein. Die ersten, mit bunter Farbschicht überzogenen Aluminium-Elemente, aus denen sich das Werk zusammensetzen wird, liegen bereits daneben am Boden.

Viel Aufhebens macht Jenssen darum nicht, auch wenn der Eindruck eines so großen Gemäldes im Stadtraum bombastisch sein dürfte. Nein, während Edvard Munch den Skandal damals in vollen Zügen genoss, den er mit seiner Ausstellung expressionistischer Gemälde beim Verein Berliner Künstler Ende des 19. Jahrhunderts auslöste, liebt es sein nachgeborener Landsmann eher beschaulich: Leben und Kunst als langsamer ruhiger Fluss. Der Winter bleibt draußen.

Die Galerie Niels Borch Jensen zeigt bis zum 29. Januar Monotypien des Künstlers (Naunynstr. 38, dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr).

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