Kultur : Die Kraft der Haare

„Samson et Dalila”, ein freies Opernprojekt in der Berliner Philharmonie

Sebastian Kirsch

„You never know the whole story.“ 10 000 Flyer mit diesem Slogan werben für Camille Saint-Saëns’ Oper „Samson et Dalila“. Sechs Wochen lang wurden sie überall in Berlin an Konzert- und Musiktheaterbesucher verteilt, und passend zur Jahreszeit ist jeder Flyer mit einem Hustenbonbon bestückt. Mehr Werbung lässt das Budget nicht zu – denn bei der Aufführung heute und morgen in der Philharmonie handelt es sich um eine freie Produktion mit schmalem Etat, der sich auch aus dem Kartenverkauf speist und darum teilweise sogar noch in der Fantasie existiert.

Aber umso größer sind Enthusiasmus und Findigkeit des Teams um den 1977 geborenen Musiktheaterregisseur Hendrik Müller. Und es ist angesichts der knappen Finanzen geradezu unfassbar, was Dramaturgin Tina Hartmann, Dirigentin Barbara Rucha, Bühnenbildnerin Petra Weikert und Produktionsleiter Daniel Kunz zusammen mit Müller da ins Werk setzen: Ausgerechnet das riesige, oratorienhafte Werk des französischen Komponisten bringen sie auf die Bühne – und haben dazu nicht nur die Philharmonie gemietet, sondern auch acht junge Solisten, das Arthur-Rubinstein-Orchester aus dem polnischen Lodz und einen 65-köpfigen Chor engagiert.

Eigentlich sind es sogar drei Chöre. In Berlin wirken der Karl-Forster- und der Art-of-Contrast-Chor mit – doch da es vor einigen Tagen bereits eine Voraufführung in Lodz gab, man fünfundsechzig Choristen aber nicht dorthin transportieren konnte, probte das Team in der letzten Woche mit einem dort ansässigen Chor, der dann die Voraufführung bestritt.

6200 Euro pro Abend kostet allein die Philharmonie, und mit 7000 Euro Zuschuss ist die „Akademie Musiktheater heute“, die 2001 von der Deutsche-Bank-Stiftung gegründet wurde, schon der wichtigste Sponsor des wagemutigen Unterfangens. Müller, Hartmann und Kunz waren oder sind Stipendiaten der Akademie und haben mit ihrer Produktion deren Förderpreis bekommen, der heute Abend vor Aufführungsbeginn verliehen wird.

„You never know the whole story.“ Tatsächlich ist die Rezeptionsgeschichte von Saint-Saëns’ 1877 in Weimar uraufgeführter Oper geprägt von Fehldeutungen und Missverständnissen. Und die resultieren wesentlich aus dem Glauben, „the whole story“ zu kennen. Was hat man diesem Werk nicht schon vorgeworfen: Es sei schlecht, weil die Figuren „falsch“ seien und die Musik zu süßlich und romantisch, um dem Thema Krieg gerecht zu werden, und deshalb nicht zum Libretto passe. Wie oft ist das Werk in Styroporpomp und Ausstattungstrash versunken, mit wackligen Tempelsäulen und Kostümen wie aus einem Hollywood-Bibelschinken. Wer es mit dieser Oper aufnimmt, begibt sich auf vermintes Gelände, das in Deutschland schon länger gemieden wird: Seit über zwanzig Jahren gab es hier keine Inszenierung mehr. Müller betont nun gerade, dass es ihm darum geht, den verschütteten Kern des Stücks wieder freizuschaufeln. Denn die Oper, die auf der alttestamentarischen Geschichte über die unmögliche Liebe zwischen dem jüdischen Feldherren Samson und der philisträischen Priesterin Dalila beruht, steckt voller Rätsel und Brüche, die man nur dann zum Mangel erklären kann, wenn man immer schon zu wissen glaubt, wie die Erzählung eigentlich zu sein hätte und dieses Wissen in möglichst bombastische Bilder packen will.

Das beginnt schon damit, dass das zentrale Attribut des Kriegshelden Samson – die Kraft, die ihm aus seinen langen Haaren erwächst und die er verliert, weil Dalila ihn verrät und scheren lässt – bei Saint-Saëns gar keine Rolle spielt: Das lange Haar taucht zwar auf, doch nicht seine magische Eigenschaft. Strittig ist auch die Figur der Dalila, die gerne auf das Klischee der „femme fatale“ reduziert wird, in der Müller aber die Widersprüche einer großen Liebenden entdeckt. Auch musikalisch will sich die Inszenierung auf Brüche und Dissonanzen konzentrieren, die sich im trügerischen Wohlklang verbergen und die Musik, so Dirigentin Rucha, entgegen üblichen Urteilen „absolut zukunftsweisend“ machten.

Durchaus ließe sich die Oper, die vom Krieg in Gaza handelt, auch als Kommentar zur aktuellen Lage lesen, aber wenn Müller davon spricht, die politische Substanz des Stücks wiederentdecken zu wollen, dann geht es nicht um platte Aktualisierung. Schließlich wäre auch das nichts weiter als Anmaßung und Mythisierung. Denn: „You never know the whole story.“

Die ganze Geschichte wird man also auch nach dieser Aufführung nicht kennen. Aber zumindest ein bisschen mehr darüber wissen, was alles in Saint-Saëns’ Oper steckt.

Philharmonie, 12./13.2., 20 Uhr, Infos: www.samson-et-dalila.de

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