Kultur : Die Krankheit Diktatur

Homosexualität und Folter in Ägypten: Der Bestsellerverfilmung „The Yacoubian Building“ droht Zensur

Andrea Nüsse

Das hat es in der Geschichte des ägyptischen Films noch nie gegeben: In einer ganzseitigen Zeitungsanzeige wenden sich Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und die Starschauspieler des Films „The Yacoubian Building“ ans Publikum. Die Filmfamilie versichert jenen, „die die Freiheit lieben“, dass sie den Ruf Ägyptens nicht beschädigen wollen. Dass der Film ein Kunstwerk sei und von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Außerdem ist der Film von Regisseur Marwan Hamed mit 4 Millionen Dollar die teuerste Produktion des arabischen Kinos überhaupt. Er vereinigt die berühmtesten ägyptischen Schauspieler, angeführt von Adel Imam, der Schauspielerin Yousra und Nur al Sherif. Grundlage ist der Roman des ägyptischen Oppositionellen Alaa al Aswani, der seit seinem Erscheinen 2002 der Bestseller der arabischen Welt ist. Mit geschätzten 150 000 verkauften Exemplaren hat er das Publikum in einer Größenordnung erreicht, die sonst nur dem Koran vorbehalten ist (als literarischer Bestseller gilt in der arabischen Welt in der Regel ein Werk von 2500 verkauften Exemplaren!). Angesichts der strikten Filmzensur in Ägypten war die Neugier riesig, was im Film von der Vorlage übrig bleiben würde. Denn der Roman bricht schonungslos Tabus: Sujets wie Homosexualität oder Folter durch die staatlichen Sicherheitskräfte kamen bislang in der Kunst nicht vor.

„Der Film hält sich eng an meinen Roman“, findet al Aswani, der den Film erstmals beim diesjährigen Tribeca-Filmfestival in New York sah. Der dreistündige Film erzählt die Geschichte der Bewohner eines desolaten Art-Deco-Hauses im Stadtzentrum von Kairo. Die reichen und neureichen Bewohner der Beletage treffen auf die Armen, die auf dem Dach leben und ums Überleben kämpfen. Ein Mikrokosmos der ägyptischen Gesellschaft, die durch Unterdrückung und Machtmissbrauch geprägt ist. Ein trostloses Sittengemälde, in dem die Mächtigen und Reichen den Underdogs nicht nur ihre Träume rauben, sondern auch die Kontrolle über ihre Körper.

Zaki Basha, ein heruntergekommener Aristokrat und Lebemann, verkörpert das ehedem liberale und weltoffene Ägypten, das mit der Revolution und Abdel Nasser sein Ende fand. Der korrupte Parteisoldat Kamal al Fuli wiederum verkauft Parlamentssitze für eine Million Pfund an den neureichen Geschäftsmann und Drogendealer Hagg Azzam. Dann gibt es da noch den Scheich, der gegen entsprechendes Entgelt die Zwangsabtreibung rechtfertigt, die Hagg Azzam bei seiner zweiten Frau vornimmt. Diese hatte er heimlich geheiratet, um sie wie eine Prostituierte jeden Nachmittag zu besuchen. Ein Frauenschicksal wie das der jungen Bouthaina vom Dach, die auf der Suche nach Arbeit immer wieder zu sexuellen Handlungen gezwungen wird. Für Aufruhr sorgt aber vor allem der Werdegang des jungen Taher, Sohn des Hausmeisters, der trotz bester Noten nicht in die Polizeiakademie aufgenommen wird: Für das Kind eines „Bawab“ (Hausmeisters) gibt es keinen sozialen Aufstieg. Er driftet ins islamistische Milieu ab, wird von der Polizei brutal gefoltert und vergewaltigt und endet als Terrorist. Und auch die ausführlich beschriebene Beziehung des homosexuellen Chefredakteurs zu einem jungen nubischen Soldaten kommt im Kino vor.

Nur die Romanszene, in dem der ominöse „big guy“ auftaucht, der hinter dem korrupten Minister steht, fehlt im Film. „Viele Leser haben gedacht, ich meine damit den Präsidenten. Das sagt viel über das Bild aus, das die Ägypter von ihrem Präsidenten haben. Daher wurde es wohl weggelassen“, glaubt der Autor. Dennoch enthält der Film nach Ansicht des Filmkritikers Mustafa Darwish so viel explosiven Stoff, dass es ein „Rätsel“ sei, wieso der regimenahe Produzent Emad Adib ausgerechnet diesen Stoff verfilmt habe und wie er die Zensur passieren konnte. Adib hatte letztes Jahr im Auftrag der Regierung ein siebenstündiges Gefälligkeitsinterview mit Präsident Mubarak geführt, das Mubarak einen Platz in der Geschichte sichern sollte. Auch Drehbuchautor und Regisseur sowie das Filmidol Adel Imam haben hervorragende Beziehungen zum Regime. Erklären kann Darwish sich das nur mit internen Flügelkämpfen. „Die Filmemacher hatten wohl die neue Garde um den Präsidentensohn Gamak Mubarak auf ihrer Seite und argumentierten, der Film richte sich gegen die alte Garde.“

Die Schauspieler sollen angeblich mit astronomischen Gagen gewonnen worden sein. Adel Imam soll gerüchteweise sieben Millionen Pfund erhalten haben. Die Starbesetzung und die Tatsache, dass der Film dieses Jahr zunächst im Panorama der Berlinale und dann in New York gezeigt wurde, sollte ihn für die Zensur unantastbar machen, glaubt Darwish. Doch die Filmemacher könnten sich verkalkuliert haben: 112 Abgeordnete protestierten jetzt gegen den Film und forderten, Szenen herauszuschneiden.

Nach Angaben der Produktionsfirma „Good News“ soll der Film in den ersten zwei Wochen seit dem ägyptischen Kinostart am 19. Juni 10 Millionen Pfund (1,4 Millionen Euro) eingespielt haben. 700 000 Zuschauer sollen den Streifen gesehen haben. Doch in einigen Kinos läuft er trotz Hochsaison schon jetzt nur noch in den kleinen Sälen. „Vielleicht hat man sich auch beim Publikum verschätzt“, so Darwish, der die Zahlen anzweifelt. Die Ägypter seien sehr konservativ und viele würden sich den Film nicht anschauen, weil das Thema Homosexualität sie abschreckt. Im Kino kommt es bei diesen Szenen zu den merkwürdigsten Reaktionen: Einige Zuschauer schnalzen mit der Zunge, um ihren Protest auszudrücken. Junge Männer lachen lauthals, wenn der ältere Mann den Soldaten küsst und berührt. Viele Frauen sagen, sie hätten die Augen geschlossen.

Dennoch glaubt al Aswani nicht, dass die homosexuelle Beziehung der eigentliche Stein des Anstoßes ist. „In Wahrheit stören sie sich an Korruption und Folter. Das Regime hasst die Idee, dass der junge Islamist als Opfer dargestellt wird.“ Als Beleg nennt Autor al Aswani, der als Zahnarzt arbeitet und in der Oppositionsbewegung „Kifaja“ aktiv ist, dass nicht die Islamisten Wortführer der Proteste im Parlament sind. Der in Amerika ausgebildete Arzt wirft dem Regime vor, Krankheit und Symptome zu verdrehen. „Die Diktatur ist die Krankheit.“ Der religiöse Fanatismus sei nur ein Symptom dieser Krankheit, eine Reaktion, ebenso wie Korruption, Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit.

In Europa soll „The Yacoubian Building“ im August zunächst in Frankreich anlaufen. Doch die in Ägypten brisanten Themen sind hier banal. Ansonsten bietet der Film solides Handwerk, aber keine Innovation. Die Rückblenden auf die Jugend des Homosexuellen, in denen die mangelnde Elternliebe für die sexuellen Neigungen des Sohnes verantwortlich gemacht wird, wirken naiv und künstlerisch dilettantisch. Dennoch glaubt al Aswani, dass der Film ebenso wie sein Buch auch außerhalb Ägyptens erfolgreich sein wird: „Für den Westen ist die Diskrepanz zwischen dem Ägypten an der Oberfläche und dem wahren Ägypten interessant. Nur in einer Demokratie sagen die Menschen, was sie wirklich denken. Eine der Folgen von Diktatur ist, dass sie Gesellschaften deformieren.“

Der Präsident tue so, als sei er frei gewählt. Das Parlament agiere, als sei es aus freien Wahlen hervorgegangen. Dieses Muster setze sich bis in die Familien hinein fort. „Das verschleierte Mädchen tritt in seinem Viertel konservativ und sittsam auf, als ob es kein Sexualleben habe. Jeden Abend können sie aber hunderte verschleierte Mädchen auf der Nil- Corniche sehen, weit weg von zu Hause, die in aller Öffentlichkeit ihren Freund küssen. Das ist, was ich die ,Als-ob-Gesellschaft‘ nenne.“

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