Kultur : Die Kriegsfurie

In Vergils "Aeneis" wird berichtet, wie Jupiter der Göttin Venus die Gründung und den Aufstieg Roms zur Weltherrschaft voraussagt.Am Ende vieler Eroberungskriege würden die Römer der Welt einen sicheren Frieden bescheren.Dann werde die Kriegsfurie in Ketten gelegt, in ein sicheres Verlies gesperrt und ihre Willkür durch die Herrschaft gerechter Gesetze abgelöst werden."Geschlossen werden die gräßlichen Pforten des Krieges.Unheiliger Wahnsinn / Hockt über grimmigen Waffen, mit hundert eisernen Banden / Rücklings gefesselt, und knirscht, der grause, blutigen Mundes." Rom führt die Geschichte zu einem guten, friedlichen Ende.Denn seine Kriege dienen der Durchsetzung einer universalen Zivilisationsidee, die auf der Verdammung des Krieges gründet.

Die westlichen Demokratien mit der Führungsmacht USA sind die modernen Erben der Ideale der Pax Romana und ihrer paradoxen Vision: Frieden schaffen mit immer effektiveren Waffen.Freilich wird ihre Mission, zivile Regeln des Zusammenlebens weltweit an die Stelle des Rechts des Stärkeren zu setzen, nicht mehr von wohlwollenden Göttern begleitet.Mit den Dilemmata, die eine Kriegserklärung an den Krieg mit sich bringt, müssen wir heute ganz allein fertig werden.

Die NATO-Kampfhandlungen in Jugoslawien sind Ausdruck eines westlich-liberalen Expansionismus.Er ist jedoch nicht Folge des Hegemonialstrebens einzelner Staaten oder einer "Kultur", sondern eines antagonistischen Wertekonflikts.Der Einsatz militärischer Gewaltmittel gegen Serbien gilt im Kern einem Wertesystem, das mit den zivilisatorischen Grundprinzipien westlicher liberaler Demokratien inkompatibel ist.Deshalb hat es in einem sich vereinigenden Europa keinen Platz mehr.Die menschenrechtlichen Universalien des Westens können hier nur ganz oder gar nicht gelten.Setzt der Westen sie nicht notfalls gewaltsam durch, riskiert er, daß sie über kurz oder lang auch im eigenen Haus ihre Geltungskraft verlieren.

Fatal ist nicht, daß die westliche Staatengemeinschaft jetzt Gewalt anwendet, sondern daß sie erst so spät zu dieser Einsicht gekommen ist: Mit einer Ideologie, die individuelle Menschenrechte verachtet, kann es auf Dauer keine friedliche Koexistenz geben.Je länger die unausweichliche Konfrontation hinausgeschoben wird, desto massiver und risikoreicher muß der Einsatz ausfallen, wenn der Zusammenstoß schließlich unvermeidlich wird.Die Eskalation des Kosovo-Konflikts und der gegenwärtige Waffengang sind die Spätfolgen des Zurückweichens vor der serbischen Aggression in Bosnien.Das Abkommen von Dayton ließ nicht nur die serbische Militärmacht unberührt, es segnete auch das Prinzip ethnischer Aufteilung von Nationalitäten ab.Jetzt erweist sich, daß ein aus einer angeblich ethnisch vorgeprägten nationalen Identität abgeleitetes "Recht auf Selbstbestimmung der Völker" mit der westlichen Rechtsauffassung vom Primat individueller Grundrechte vor jeglichem Kollektivrecht nicht vereinbar ist.

Mit seiner Anklage, der NATO-Angriff sei ein Verstoß gegen geltendes Völkerrecht, legte der PDS-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi im Bundestag deshalb durchaus den Finger auf eine Wunde.Und doch ist sein Argument demagogisch.Tatsächlich ist die Logik des modernen westlichen Menschenrechts-Universalismus nicht mit einem Völkerrecht in Übereinstimmung zu bringen, das die Souveränität von Staaten auch dann für unantastbar erklärt, wenn sie schwere Verbrechen gegen die eigene Zivilbevölkerung begehen.Der Westen ist, will er sich treu bleiben, im Extremfall gezwungen, eine solche Rechtsvorschrift zu mißachten.Welche übergeordnete Instanz kontrolliert aber dann noch seine eigene Rechtsauslegung?

Der häufig erhobene Einwand, mit dem erfolgreichen Abschluß der militärischen Operation sei das Kosovo-Problem ja noch längst nicht politisch gelöst, ist zwar zutreffend, hilft im Augenblick jedoch nicht weiter.Denn mit einem Gegner, der im westlichen Sinne nicht vertragsfähig ist, kann es überhaupt keine sinnvolle politische Übereinkunft geben.Seine Kraft zu brechen, ist die Voraussetzung für jegliche denkbare Lösung.

Wer aber Gewalt anwendet, und sei es auch aus noch so gerechtfertigten Gründen, wird von ihr infiziert.In der Kunst, sie zu dosieren, zu domestizieren und gegen ihre Präsenz ein nachhaltiges ziviles Gegengewicht zu schaffen, ist die Bundesrepublik Deutschland ungeübt.Die Gefahr, daß das Pendel von der pazifistischen "Ohne mich"-Stimmung in eine Verherrlichung nationaler Wehrkraft umschlagen könnte, sollte nicht unterschätzt werden.Schon leistet sich das Boulevardblatt "BZ" einen Anflug von neudeutschem Hurra-Patriotismus und schwärmt von "unseren Flieger-Helden".In den Nachrichtensendungen wird mit unterschwelligem Stolz betont, daß die deutschen Tornados immer in der ersten Angriffsreihe fliegen.Was wird mit uns passieren, wenn die ersten deutschen Verluste Rachegefühle wecken?

Wir wissen heute, daß die Kriegsfurie nicht ein für allemal wegzusperren ist.Immer lauert sie auf Ausbruch, und schlimmer noch: Sie sitzt und lauert auch in uns selbst.Um sie zu kontrollieren, ist eine fortlaufende gesellschaftliche Reflexion über Ziele, Grenzen und die einem demokratischen Gemeinwesen zumutbaren Kosten und Opfer kriegerischen Engagements notwendig.

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