Die Krimikolumne : Verbrechen am Kap

Genealogie der Gewalt: Die südafrikanische Krimiliteratur von Deon Meyer, Andrew Brown oder Mala Nunn erzählt die Geschichte Südafrikas als eine Geschichte von Morden, Vergewaltigungen, Raubüberfällen und Drogenkriegen. Aktuelles Beispiel: Mike Nicols Roman "Payback".

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Kapstadt, 1998. Der Waffenschmuggler Mace Bishop hat sich zur Ruhe gesetzt und betreibt mit seinem Kumpel Pylon Buso eine Sicherheitsfirma für reiche Touristen. Leicht verdientes Geld, doch dann ruft Ducky Hartnell an, ein nicht ganz so seriöser Unternehmer. Eine militante islamistische Bürgerwehr setzt ihn unter Druck wegen der Drogen, die in einem seiner Clubs verkauft werden. Hartnell hat Angst vor einem Bombenanschlag und will Mace engagieren. Um seine Entscheidung zu erleichtern, erinnert er ihn an die „fünf RPGs, zwei Dutzend chinesischer AKs und eines Sortiments von Pistolen, Granaten und Munition“, mit denen er ihm früher einmal ausgeholfen hat: „Ich will deine Geheimnisse bei Gott nicht verraten“, erklärt er Mace mit einem freundlichen Lächeln. „Also, wie sieht‘s aus?“

„Payback“ ist Mike Nicols erster Thriller. (Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb, München 2011, 573 S., 9,99 €). Der südafrikanische Schriftsteller und Lyriker ist allerdings kein Unbekannter. Auf Deutsch sind unter anderem seine historischen Romane erschienen, in denen er über den Goldrausch in Witwatersrand schreibt („Der Reiter“), über die schwarzen Freikirchen in den zwanziger Jahren („Seit Jahr und Tag“) und den Polizeiterror während des Apartheidregimes („Die Feuer der Macht“). Auch „Payback“ führt immer wieder zurück in die Geschichte, in die Zeit des Bürgerkriegs in Angola. Kubanische Soldaten, südafrikanische Streitkräfte und einheimische Truppen lieferten sich schwere Gefechte – und Mace Bishop hat 1988 im Umfeld der grausamen Schlacht um Cuito Cuanavale offenbar seine besten Deals abgeschlossen. Dabei ist er nicht nur in Berührung mit Ducky Hartnell gekommen, sondern auch mit den führenden Köpfen des ANC. Keine schlechten Kontakte: Die ehemaligen Kämpfer und Aktivisten sind nach dem Ende der Apartheid in Regierungsämter aufgestiegen.

Eine Genealogie der Gewalt. Das ist ein Muster, das man in Krimis vom Kap immer wiedertrifft, bei Deon Meyer, Andrew Brown oder Mala Nunn. Von den Morden, Vergewaltigungen und brutalen Raubüberfällen, die die Gegenwart in Südafrika beherrschen, den car hijacks und Drogenkriegen, führt eine lange Spur der Verwüstungen zurück in die Geschichte des Landes. Kein Wunder, dass diese Romane meist sehr dick sind. Jeder von ihnen liefert einen großen Entwurf zum Thema „Südafrika“. Mike Nicol hält sich in Sachen Landeskunde nun erfreulicherweise zurück, vielleicht, weil er einfach schon so viel über die Geschichte seiner Heimat geschrieben hat. Statt dessen konzentriert er sich auf Mace Bishop, den ehemaligen „gun runner“, der hart an seinem neuen Leben gearbeitet hat. Mace fährt einen Alfa Spider, trinkt Single Malt und wohnt in einer viktorianischen Villa, seine Kunden empfängt er am Dunkley Square, inmitten von Kunstgalerien, angesagten Restaurants und Werbeagenturen, mit Blick auf die Berge im Hinterland: „Oh Mr. Bishop, das ist ja umwerfend. Was für eine romantische Stadt.“

„Complete Security“ heißt die Firma, aber Rundum-Sicherheit gibt es in Südafrika natürlich für niemanden, auch nicht für Mace selbst. Nachdem tatsächlich eine Bombe in Hartnells Nachtclub explodiert ist, bekommt seine Fassade die ersten Risse. Eine Anwältin der islamistischen Bürgerwehr scheint mehr über ihn zu wissen, als ihm lieb ist, seine Tochter wird entführt und schwer verwundet. Und schließlich, als sein sorgfältig komponiertes Leben in Trümmern liegt, lässt er sich noch einmal auf ein Waffengeschäft ein, wie ein Süchtiger, der sich nach einem langen, quälenden Entzug einen letzten Schuss setzt.

Mace soll im Auftrag eines Drogenbarons und einer ehemaligen CIA-Agentin in Angola eine Schiffsladung schweres Gerät übernehmen, und plötzlich ist er wieder mittendrin in seinem privaten Bürgerkrieg. „Payback“ ist ein Roman in Fragmenten, raffiniert und kleinteilig erzählt, ein aus blutigen Zeitsplittern zusammengesetzter politischer Thriller, der zwischen den Stellvertreterkriegen der achtziger Jahre und dem islamistischen Terror der Gegenwart die tragische Geschichte eines Mannes erzählt, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

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