Die Krise auf der Krim : „Putin hat Russland in eine Psychiatrie verwandelt“

Ein Gespräch mit dem ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow über Putin, Timoschenko, die Fehler Europas und warum die Besetzung der Krim schon lange vorbereitet war.

Barrikaden in den Farben der Ukraine, in Blau und Gelb auf Autoreifen gemalt. Momentaufnahme in Kiew auf dem Platz der Unabhängigkeit. .
Barrikaden in den Farben der Ukraine, in Blau und Gelb auf Autoreifen gemalt. Momentaufnahme in Kiew auf dem Platz der...Foto: dpa

Herr Kurkow, wie gehen Sie in Kiew derzeit Ihrer literarischen Arbeit nach?

Ich habe ein Maidan-Tagebuch über das Leben meiner Familie und Freunde und die Besetzung der Krim geschrieben, das demnächst auf Deutsch erscheint. Tagebücher schreibe ich schon über 30 Jahre, aber ich habe sie nie herausgegeben. Eigentlich wollte ich ein Buch über die Ukraine für ausländische Leser schreiben, aber dann begannen die Proteste des Euro-Maidan. Seitdem habe ich meinen Übersetzern täglich einen Tagebucheintrag geschickt.

Verstehen Sie die Krise in Ihrem Land?

Ich lebe unweit des Maidan und kenne viele der Beteiligten persönlich. Trotzdem stellen sich auch mir Fragen, etwa bezüglich der Tragödie in Odessa. Wie gelangte ein Teil der Menschen, der im Besitz von Gasmasken war, auf das Dach des Gebäudes? Warum sind einige bereits gestorben, bevor das Feuer ausbrach?

Wie kam es denn in Ihren Augen dazu, dass die Separatisten im Osten des Landes so erstarken konnten?

Ideologisierte Gruppen gab es dort bislang nicht. Nur Leute, die nostalgische Gefühle in Bezug auf die Sowjetunion hatten. Etliche Menschen in Donbas gingen auch früher auf jede Demonstration, wenn der Grubenleiter oder die Partei es anordneten. Im Prinzip haben wir ein Ein-Parteien-System in Donbass, ein Ein-ParteienDenken. Die Region ist russischsprachig, aber das ist Kiew auch und hier gibt es keine separatistische Bewegung. Das ist alles eine russische Strategie. Man hat an der Besetzung der Krim gesehen, wie lange der Plan dafür schon ausgearbeitet war. Wie sonst hätten neben dem Militär sofort Verwaltungsbeamte auftauchen können, die alle Ministerien auf das russische System umstellten? Es kamen sogar Botaniker, um seltene Pflanzen in Russlands Naturschutz-Liste einzutragen.

Welches Ziel verfolgt Putin denn Ihrer Meinung nach?

Zuerst die Krim einnehmen, dann einen kleinen Bürgerkrieg entfachen, dadurch die Kiewer Regierung zu stürzen, um sie durch prorussische Politiker zu ersetzen. Mit diesen Politikern wollte er dann einen Vertrag schließen, mit dem die Ukraine anerkennt, dass die Krim offiziell zu Russland gehört. Aber der Plan ging nicht auf.

Auf der Krim haben auch viele normale Bürger für die Annexion gestimmt.

All die Jahre hat man dort ohnehin nur russische Fahnen gesehen. Auf dem Gebiet der Krim sind die Ukrainer und die Krimtataren die Minderheit. Die Mehrheit hat Sehnsucht nach der sowjetischen Vergangenheit. Für sie ist Russland rechtmäßiger Erbe der Sowjetunion. Da hatte Putin leichtes Spiel.

Lässt sich auch die Separatismusbewegung in Luhansk und Donezk so erklären?

Die Anführer sind russische Staatsbürger, die betonen, sie seien freiwillig dort, um „Russen zu beschützen“. Und es sind Mitglieder der einstigen Regierungspartei. Sie haben aber keine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Offizier Strelkow hatte den Bürgern von Donbass deshalb Feigheit vorgeworfen. Wer dann Waffen von ihm erhielt, ist mit Sturmgewehren und Granatwerfern zum Plündern losgezogen. Die normalen Leute haben jetzt Angst, auf die Straße zu gehen.

Julia Timoschenko nennt Putin einen Faschisten. Und laut den russischen Medien greifen in Kiew Faschisten nach der Macht.

Ich bin viel in der Ukraine unterwegs und habe bisher keine Faschisten gesehen. Nur Mitglieder radikaler, nationalistischer Parteien, auf die der Begriff nicht zutrifft. Ein Faschist ist der Ansicht, dass alle anderen seiner Nation dienen oder sterben sollen. Auch Putin ist kein Faschist. Er ist nur jemand, der die Sowjetunion restaurieren und so in die Geschichte eingehen will, wie ein zweiter Stalin.

Die Russen hat er größtenteils hinter sich ...

80 Prozent der Bevölkerung unterstützen ihn. Durch seinen Hyper-Patriotismus hat Putin das Land in eine psychiatrische Anstalt verwandelt. Nur dass die Ärzte das Land schon lange verlassen und die Bewohner die am stärksten Erkrankten zu ihren Ärzten gemacht haben.

Was ist mit dem Einfluss des Westens?

Europa hat zwei Wochen lang nicht auf die Besetzung der Krim reagiert. Ohne die Kritik aus den USA gäbe es bis heute keine europäischen Sanktionen gegen Russland. Amerika wie Russland verfolgen geopolitische Interessen: Die Politik Russlands auf der Krim und in der Ost-Ukraine kann man mit der der Amerikaner im Irak vergleichen. Die USA tritt für die Ausdehnung der EU ein, die EU ist dagegen. Es ist ein Konflikt zwischen den USA und Europa, zwischen den USA und Russland, zwischen Russland und der Ukraine und – nicht ganz freiwillig – zwischen der EU und Russland. Wobei die Ukraine sich entschieden hat: Sie will nicht an der Seite der USA sein, aber unabhängig von Russland.

Wie fühlt man sich als Bürger eines Landes, das Zankapfel der Supermächte ist?

In Kiew merkt man das nicht. Seit die Proteste auf dem Maidan niedergeschlagen wurden, führen wir ein normales Leben. Ich verstehe aber, dass die Ukrainer im Osten, wo die antiamerikanische Propaganda stark ausgeprägt ist, negativ auf alles reagieren, was aus den USA und Europa kommt. Es gibt unter den nicht-gebildeten, nicht-informierten Leuten eine tief empfundene Angst. Sie wollen Stabilität.

Sie befürchten nicht, dass die Bevölkerung sich radikalisiert?

Voraussetzungen für einen echten Bürgerkrieg sehe ich nicht. Schon weil es keine Region gibt, in der Mentalitäten oder große national-ethnische Gruppen aufeinander treffen. Ohne kriegerische Kräfte von außen wird es keinen Krieg geben.

Aber die ukrainische Armee geht militärisch gegen die Separatisten vor.

Die ukrainische Armee kämpft nicht, sie versteckt sich eher vor den Separatisten. Ukrainische Soldaten wurden schon angeklagt, weil sie sich weigerten, Soldaten aus einem abgeschossenen Hubschrauber zu retten. Es gibt keine richtige Armee in der Ukraine, sie wurde in 20 Jahren Unabhängigkeit vernichtet.

Was müsste jetzt am besten geschehen?

Die Grenzen zu Russland und Transnistrien sollten abgeriegelt und die von den Separatisten eingenommenen Regionen von Waffennachschub und Versorgung abgeschnitten werden. Die Zivilisten müssten das Gebiet verlassen, dann müsste man warten, bis die Separatisten bereit sind zu verhandeln. Es ist der einzige Weg; er würde am wenigsten Opfer fordern.

Vor den Wahlen am 25. Mai haben Sie sich klar gegen Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko ausgesprochen. Warum?

Weil sie mit niemandem koalieren will. Selbst der Kandidat der Partei der Regionen, Mychajlo Dobkin, ist zum Wohle der Ukraine zu Koalitionen bereit. Timoschenko ist nur die Macht wichtig. Im Prinzip kontrollieren ihre Leute schon jetzt die Ukraine, Innenminister Arsen Awakow ist Mitglied ihrer Partei und Präsident Olexander Turtschinow, früher Leiter des Inlandsgeheimdiensts, ihre rechte Hand. Sollte sie Präsidentin werden, haben wir die gleiche Situation wie nach der Orangenen Revolution oder wie unter Janukowitsch. Wir hätten dann erneut die Diktatur durch eine einzige politische Kraft.

Bleibt Petro Poroschenko als Alternative?

Bei dem Personal, das wir haben, wäre er die beste Wahl. Von ihm gibt es bisher keine radikale Äußerung, nicht einmal gegenüber Putin. Obwohl er Eigentum und Fabriken in Russland besaß, die ihm die Regierung praktisch weggenommen hat.

Ihre Prognose: die Ukraine in zwei Jahren? Wird es eine Föderation geben?

Eine Föderation wäre nur ein großer Schritt in Richtung Bürgerkrieg, denn sie würde Militärs und Regierungen legitimieren, die dieselben Rechte haben wie Kiew. Niemand würde sich der zentralen Macht unterordnen. Insofern denke ich: Entweder das Land bleibt bestehen oder es verkleinert sich, oder es gibt Krieg.

– Das Gespräch führte Jakob Buhre.

Andrej Kurkows„Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests“ erscheint Ende des Monats im Haymon Verlag, Innsbruck. 280 S., 17,90 €.

Andrej Kurkow, 1961 in St. Petersburg geboren, lebt in Kiew und schreibt auf Russisch. Seine Roman „Picknick auf dem Eis“ ist ein Welterfolg. Zuletzt erschien „Der unbeugsame Papagei“.

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